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Webfest Berlin 2017: Das Fernsehen der Zukunft lebt im Netz

Webfest Berlin 2017: Das Fernsehen der Zukunft lebt im Netz


Stephan Greitemeier

Alicia Thakrar gibt auf dem Webfest Tipps zum Umgang mit Blockaden und übertriebener Selbstkritik.

Bye, bye lineares TV und Streamingdienste: Die Werke der Webfilmer stehen denen großer Content-Fabriken nur noch in der Länge nach. Für die höhere Qualität sorgen im Hintergrund aber doch manchmal bekannte Namen.

Beim dritten Webfest Berlin versammelten sich Macher und Interessierte im Säälchen am Holzmarkt, um den Stand der weltweiten Webserien zu begutachten. Das kleine Festival ist Teil eines wachsenden internationalen Netzwerks, das die sich immer noch entwickelnde Szene der Webfilmer unterstützt. Am 8. und 9. September werden insgesamt 51 Serien gezeigt sowie ein Preis für den besten Pilotfilm vergeben.

Die erste verblüffende Erkenntnis: Qualitativ unterscheiden sich Webserien überhaupt nicht mehr von Fernsehserien. Aufwändig gefilmt und mit teils prominenten Gaststars, merkt man nur an der Kürze der Episoden, dass die Projekte nicht fürs TV konzipiert sind. Besonders beeindruckte hier die kanadische Krimikomödie „Hypno“, in der ein erfolgloser Hypnotiseur der Polizei bei einem mysteriösen Mordfall hilft. Von den Schauspielern bis zu den erzählerischen Effekten kann man sich „Hypno“ bestens im regulären Abendprogramm vorstellen. Ebenso verblüffte die australische Serie Bruce mit ungewöhnlichem Aufwand. Die historische Serie spielt 1788 in einer australischen Strafkolonie und vermischt Dramatik mit schwarzem Humor. Der merkbare Anstieg in der Qualität mag auch daran liegen, dass hinter den gezeigten Serien selten klassische Einzelkämpfer stecken, sondern oft Produktionsfirmen, Sender und Netzwerke.

Let me take you to funk-y town

In Deutschland ist das Netzwerk „funk” mit über 70 Kanälen der größte Finanzier. Hinter den vier Buchstaben verbirgt sich das Jugendangebot von ARD und ZDF, mit dem die großen Sender die Zielgruppe unter 50 umgarnen. Durchaus selbstkritisch erklärte Thilo Kasper von funk, dass Jugendliche und junge Erwachsene von den öffentlich-rechtlichen Sendern zu lange ignoriert wurden. Als Antwort unterstützte man ausgewählte Youtube-Macher, von Info-Formaten bis zu Serien wie Girl Cave und das höchst erfolgreiche Wishlist.



Anne Santa Maria und Joel Bassaget loben neben kanadischen und australischen Produktionen vor allem die deutsche Webserien-Szene: Sie bricht die Dominanz von Drama und Krimi, die das heimische Fernsehen beherrschen.

Anne Santa Maria und Joel Bassaget, Veranstalter des Webfest Berlin, loben neben kanadischen und australischen Produktionen vor allem die deutsche Webserien-Szene: Sie bricht die Dominanz von Drama und Krimi, die das heimische Fernsehen beherrschen.

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Die in Wuppertal gedrehte Serie über eine dämonische Handy-App ist eines der Prestige-Projekte des Jugendangebots. In seinem Vortrag erklärte Casper genau, wie man die Möglichkeiten des Mediums optimal nutzt. „Influencer“ war hier ein Stichwort: Schon beim Casting spekulierte man darauf, dass jeder Darsteller seine eigene Fan-Community mit zur neuen Show brachte. Cross-Promotion, die richtigen Key Words und ähnliche Taktiken führen online zum Erfolg. Interessant und ernüchternd: Dank der Youtube-Analytics kann man sekundengenau eruieren, wann ein Zuschauer wegschaltet, und das Programm entsprechend anpassen.

Professionalität und Verantwortung

Neben dieser uncharmanten Technisierung betonte Casper aber auch die menschliche Seite des Mediums. Als Reaktion auf Netflix‘ vielkritisierte Serie über Selbstmord, „13 Reasons Why“, hatte Funk die Aktion 13 reasons why not gestartet. Hier sprachen die funk-Mitglieder offen über ihre eigenen Erfahrungen mit Depression und luden die Zuschauer zum Gespräch ein. Ein Psychologe moderierte die Kommentare unter den Videos und bot Betroffenen Hilfe an. Die Chancen der direkten Kommunikation zwischen Machern und Fans, die Webserien bieten, kam leider sonst wenig zur Sprache.



Bei der auf Snapchat und Youtube laufenden Mädchen-Soap iam.serafina konnten die Fans in Echtzeit verfolgen, wie die junge Münchner Hauptfigur ihrem Stalker eine Falle stellte.

Bei der auf Snapchat und Youtube laufenden Mädchen-Soap „iam.serafina” konnten die Fans in Echtzeit verfolgen, wie die junge Münchner Hauptfigur ihrem Stalker eine Falle stellte.

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Die formale und inhaltliche Angleichung an das große Schwestermedium wirft nämlich Fragen auf. Wollen Webserien wirklich nur kürzere TV-Produktionen sein, die genauso gut im linearen Fernsehen laufen könnten? Darauf scheinen viele Macher zu spekulieren – Youtube als Talent-Pool für Newcomer, die dann nahtlos ins Massenmedium übergehen können. Am ersten Tag gab es nur eine einzige Serie, die ihre multimedialen Möglichkeiten ausspielte: iam.serafina. Die Mädchen-Soap des Bayerischen Rundfunks findet sowohl auf Snapchat als auch auf Youtube statt und nutzt die technischen Möglichkeiten unter anderem für Live-Events. Fans der Serie konnten so unter anderem in Echtzeit verfolgen, wie die junge Münchnerin ihrem Stalker eine Falle stellte. Solche multimedialen Ansätze sind allerdings noch rar gesät. Stattdessen werden vor allem die inhaltlichen Freiheiten des Netzes genutzt, vor allem von deutschen Serienmachern.

Deutsche Webserien auf dem Vormarsch

In der Podiumsdiskussion zeigten sich die Veranstalter Joel Bassaget und Anne Santa Maria begeistert über die „Explosion“ deutscher Webserien. Ein Grund ist, dass die deutschen Filmemacher die Dominanz von Drama und Krimi brechen, die das heimische Fernsehen beherrschen. Absurde Sitcoms wie Doorks und „Abgestempelt“, Science Fiction wie Dear Mankind zeigen den Gestaltungswillen außerhalb des Mainstreams. Auch die Genres Horror und Mystery wachsen, wie die Spessart Shorts oder das kommende „Alptrauf“ zeigen. Romantische Komödien wie „Ping Pong“ oder die Dramedy „Pity F*ck“ könnte man sich dagegen sofort im deutschen Fernsehen vorstellen.



Atsushi Ogata, alias Yukata Cowboy, zeigte auf dem Webfest als Premiere sein irgendwo zwischen John Wayne und „Die fabelhafte Welt der Amelie“ liegendes Liebesdrama "Mona Lisa Cowboy".

Atsushi Ogata, alias Yukata Cowboy, zeigte auf dem Webfest als Premiere sein irgendwo zwischen John Wayne und „Die fabelhafte Welt der Amelie“ liegendes Liebesdrama „Mona Lisa Cowboy”.

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Im Gespräch mit den Veranstaltern zeigt sich aber ein Problem der Szene: Niemand hat mehr einen Überblick über die wachsende Fülle gut gemachter Webserien, die weltweit aus dem Netz sprießen. Private Initiativen wie unsereserien.de versuchen zumindest eine Anlaufstelle für deutsche Projekte zu sein. Schon den westlichen Raum im Auge zu bewahren ist fast unmöglich, ganz abgesehen von Ländern wie Indien und Südkorea, wo sich Webserien ebenfalls zu einem Massenphänomen gemausert haben. Schon im letzten Jahr priesen die Veranstalter China als wachsenden Markt mit globalen Ambitionen an. Denn durch das Netz verschwimmen auch die Grenzen der Kulturen. Kreative finden Zielgruppen und Partner nicht mehr nur im eigenen Land, sondern weltweit verteilt. Dafür sorgen auch Veranstaltungen wie das Webfest.

Die Vernetzung der Welt

Ein schönes Beispiel war der anwesende Künstler und MIT-Absolvent Atsushi Ogata. Seine Serie Yukata Cowboy über einen Japaner in Paris begann als Ein-Mann-Projekt. Mit dem iPhone filmte Ogata sich selbst, spielte alle Rollen und entwickelte über vier Staffeln eine starke Fangemeinde. Beim Webfest Sicily lernte er die chinesische Schauspielerin Xin Wang kennen und mit Hilfe eines amerikanischen Produzenten feierte die Fortsetzung „Mona Lisa Cowboy“ jetzt in Berlin Premiere: Der Film liegt als schnelles, absurdes Liebesdrama irgendwo zwischen John Wayne und „Die fabelhafte Welt der Amelie“.

Trotz solcher länderübergreifenden Erfolgsgeschichten bleibt die Sprache ein Problem. Für ein weltweites Publikum eignen sich Serien in Landessprache kaum. Und da steckt auch im deutschen Markt ein eingebauter Wachstumshemmer. Als steuerfinanziertes Programm wird etwa funk keine englischsprachigen Serien entwickeln, wie Thilo Kasper betonte. Und selbst die gezeigten französisch-kanadischen Serien werden trotz des großen Produktionsaufwands nicht die größtmögliche Zielgruppe erreichen: Zu Wenige wollen Untertitel lesen. Mit dem Slogan „Lokal wird global“ pries zwar Anne Santa Maria die Chancen für Macher gerade außerhalb der großen Medienzentren an. Wie man den attraktiven Lokalkolorit aber global verständlich macht, das wird eine der Herausforderungen bleiben, denen sich die Szene stellen muss.


(ea)