/Sport 4.0: Wird E-Sport bald wichtiger als Fußball?

Sport 4.0: Wird E-Sport bald wichtiger als Fußball?

Sport 4.0: Wird E-Sport bald wichtiger als Fußball?


Hans-Arthur Marsiske

Zum ersten Mal seit Generationen ist ein völlig neuer Sport entstanden? In der Öffentlichkeit ist die Frage, inwieweit Computerspiele als Sport zu betrachten sind, durchaus umstritten. Nicht so bei Experten – und bei einigen traditionellen Sportlern.

Wenn Computerspieler sich im Wettbewerb miteinander messen, vielleicht auch in Teams gegeneinander antreten, kann das für Teilnehmer wie auch Zuschauer ausgesprochen aufregend und unterhaltsam sein. Mittlerweile zögen solche Wettkämpfe mehrere tausend Zuschauer an, sagte Arne Peters, ehemaliger Vizepräsident der Electronic Sports League, beim 17. Hamburg Congress on Sports, Economy and Media, der sich Montag und Dienstag an der Hafencity Universität versammelte. Weltweit schätzt Peters die Zahl der Zuschauer und Fans auf 292 Millionen.

Bei der Konferenz stieß diese Aussage auf keinen Widerspruch, was aber auch damit zusammenhängen mag, dass insgesamt wenig Zeit für Diskussionen war. In der breiteren Öffentlichkeit dagegen, ist die Frage, inwieweit Computerspiele als Sport zu betrachten sind, durchaus umstritten. Eine der markantesten Äußerungen stammt von Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, der E-Sports (manchmal auch: eSports) noch vor knapp einem Jahr als “komplett scheiße” bezeichnete.



Wenn Menschen mit Robotern Fußball spielen (wie hier bei der RoboCup-WM 2017) — ist das dann noch traditioneller Sport oder schon E-Sport?

Wenn Menschen mit Robotern Fußball spielen (wie hier bei der RoboCup-WM 2017) — ist das dann noch traditioneller Sport oder schon E-Sport?

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Bild: heise online / Hans-Arthur Marsiske


E-Sport und traditioneller Sport

Doch der Begriff ist in der Welt und beginnt, auch den traditionellen Sport zu verändern. Mit dem VfL Wolfsburg, Schalke 04, VfB Stuttgart und RB Leipzig haben mittlerweile vier Bundesligaklubs eigene E-Sports-Abteilungen eingerichtet. Ein Drittel aller Bundesligisten denke darüber nach, sagte Henning Eberhardt (SPONSORs Verlag). Weltweit hätten 61 professionelle Sportklubs bereits Verträge mit E-Sports-Spielern. Meistens gehe es dabei um die Fußballsimulation EA Sports FIFA – wohl weil es meistens Fußballvereine sind, die mit E-Sports-Abteilungen experimentieren. Aber auch League of Legends und Counterstrike spielen international eine wichtige Rolle. In der Bundesliga ist es bislang Schalke 04 der einzige Klub, der sich mit League of Legends in E-Sports auch außerhalb von Fußball engagiert.

Die Sportklubs könnten damit generell die Digitalisierung vorantreiben, erklärt Eberhardt. Zudem sei E-Sports eine Möglichkeit, internationale Zielgruppen zu erreichen und sich beim Kampf um junge Talente besser zu positionieren. Natürlich geht es auch um Geld: Für das Jahr 2020 werden die mit E-Sports erzielbaren Profite weltweit auf bis zu 1,5 Milliarden US-Dollar geschätzt, für Deutschland allein auf 130 Millionen Euro. Die Zahlen seien allerdings nicht sehr verlässlich, sagte Markus Breuer (SRH Hochschule Heidelberg), da recht unterschiedliche Definitionen von E-Sports im Umlauf seien. “Seien Sie skeptisch”, mahnte er und stützte sich selbst auf eine Definition von Jörg Müller-Lietzkow, der bereits im Jahr 2006 unter E-Sports den “wettbewerbsmäßigen Gebrauch von Video- und Computerspielen” verstanden hat. Das seien “immer auch soziale Ereignisse”, betonte Breuer. Mit den sprichwörtlichen Nerds, die allein vor dem Monitor versauerten, hätte das nichts zu tun.

Perspektivwechsel

Dem konnte auch Peter Lemcke zustimmen, der 2006 die Deutsche Games Schulmeisterschaft ins Leben gerufen hat. Mehr als hundert Teams nehmen pro Saison an dem Wettbewerb teil, dessen Finale zuletzt während der Gamescom in Köln ausgetragen wurde. Spiele ermöglichten wichtige Erfahrungen, betont Lemcke, böten Ansätze für paradoxe Interventionen und erlaubten Perspektivwechsel beim Blick auf reale Konflikte. Gespielt werde, was die Schüler wünschen. Für eine pädagogisch begründete Auswahl von Spielen fehle es einfach noch an Erfahrungen. Mit seiner Initiative stößt Lemcke immer wieder auf Skepsis und Widerstand, weiß aber auch von Eltern zu erzählen, die beim Turnier mit großem Interesse miterleben, was ihre Kinder zuvor die ganze Zeit im Keller gemacht haben.

Inwieweit Roboterwettbewerbe wie Drohnenrennen oder der RoboCup zu E-Sports zu zählen sind und welche Bedeutung sie haben könnten, konnte bei der Tagung nur angerissen werden. Einigkeit bestand aber darin, dass die Bedeutung der elektronischen Sportarten zunehmen wird. Markus Breuer erwartet jedoch nicht, dass E-Sports wichtiger als Fußball oder die großen professionellen Ligen in den USA werden. André Fläckel (Lagardère Sports) dagegen sieht in E-Sports den “Sport der digitalen Generation” und ist überzeugt: “Im Jahr 2020 sind E-Sports größer als Basketball, inklusive NBA, und Eishockey.”

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(jk)