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Segelflieger auf Rekordjagd

Perlan II, Anfang September 2017 in El Calafate, Argentinien

Ohne Motor gelangte die Perlan II bis in die Stratosphäre – ein neuer Rekord. Ihre Messdaten könnten eine Lücke in den Klimamodellen schließen.

Auf die neue Rekordhöhe von 15.902 Metern stieg das Segelflugzeug Perlan II Anfang September in den argentinischen Anden auf. Nun hat das Team die nächste Bestmarke im Visier, wie das Magazin „Technology Review“ in seiner aktuellen Ausgabe 12/2017 berichtet (jetzt am Kiosk oder hier zu bestellen).

Dass ein Flugzeug ohne jeden künstlichen Antrieb auf solche Höhen steigen kann, liegt an einem großräumigen Höhentief, das westwärts um den Südpol bläst. Für ein paar Wochen im Süd-Winter schiebt sich dieser sogenannte Polarwirbel weit genug nach Norden, um auf die Anden zu treffen. Dabei bildet er westlich, im Lee, einen großen Wirbel, der sich in Höhen bis rund 30 Kilometer aufschwingt.

Um die Welle zu reiten, muss man theoretisch nur an der richtigen Stelle quer zum Wind fliegen – hoch geht’s dann von allein. Dass es auch praktisch geht, weiß man spätestens seit August 2006. Damals kletterten Steve Fossett und Einar Enevoldson mit der Perlan I auf die bisherige Rekordhöhe von 15.472 Meter.

Elf Jahre später haben Jim Payne, Testpilot der US Air Force und zigfacher Segelflugrekordhalter, und der Australier Morgan Sandercock, Mitdesigner des Flugzeugs und ebenfalls Rekordsegelflieger, nun mit der Perlan II eine neue Spitzenmarke erreicht. Ihr Cockpit hat eine Druckkabine, deshalb gibt es keine Glashaube, sondern viele kleine elliptische Bullaugen, die dem Druck besser standhalten. Sauerstoffflaschen und Kreislaufatemgeräte („Rebreather“) versorgen die Piloten mit Atemluft. Die Batterien für die Elektronik sind mit Heizmatten bestückt, denn die Temperatur fällt auf bis zu minus 68,7 Grad – kälter als die Oberfläche des Mars bei Nacht. Die Piloten haben ebenfalls heizbare Kleidung an sowie Absaugsysteme für den Urin.

Im nächsten Jahr will die Crew wiederkommen und versuchen, noch höher hinaufzusteigen. Das Ziel liegt bei 27.500 Metern. So hoch sind bisher nicht einmal Düsenjets gekommen. Deren Rekord liegt bei 25.929 Meter, erreicht 1975 vom zweistrahligen Aufklärungsflugzeug Lockheed SR-71 „Blackbird“ mit 300 Kilonewton Schub.

Die Rekordjagd ist allerdings nur ein Aspekt des Projekts. An Bord der Perlan II sind Sensoren für Temperatur, Luftfeuchte und -druck sowie den Ozongehalt. Sie sollen wertvolle Daten für die kommerzielle Luftfahrt liefern. „Wenn man den Piloten anzeigen könnte, wo genau sich die Wellen befinden, könnten sie die Aufwinde nutzen, um Sprit zu sparen“, meint Perlan-Chef Ed Warnock. Gründe wie diese sind es wohl, die den Hauptsponsor Airbus dazu bewegen, das Projekt zu unterstützen.

Auch für Klimaforscher können die Daten aufschlussreich sein. „Stratosphärenwellen und Vulkane verursachen einen Austausch der Luftschichten zwischen Tropos- und Stratosphäre“, sagt Warnock. Bislang werde dieses Thema in den Klimamodellen vernachlässigt – weil es kaum Messwerte dazu gebe. Mit anderen Fluggeräten seien solche Messungen kaum möglich: Düsenjets fliegen zu schnell, Hubschrauber zu niedrig, zudem verfälschen Abgase die Messungen. Ballons wären sauber, driften jedoch zu sehr ab. Segelflugzeuge hingegen stehen fast stationär über einer Stelle – wenn der Wind stark genug von vorn kommt.


(grh)