/Satelliten erfassen geheime Ölreserven

Satelliten erfassen geheime Ölreserven

Satelliten erfassen geheime Ölreserven


Gregor Honsel

Wie hoch die Deckel auf oberirdischen Erdöltanks schwimmen, gibt zu erkennen, wie weit die Tanks gefüllt sind.

(Bild: Bloomberg / Getty Images)

Bilder aus dem All und schlaue Auswertungsalgorithmen bringen Unsichtbares zum Vorschein. Die Dienste werden immer preiswerter und genauer.

Die Korrektur war für Rohstoffanalysten ein Schock: Mindestens 87 Millionen Tonnen Erdöl betrage die strategische Ölreserve Chinas für 2016. Dabei war sich die Expertenriege weltweit eigentlich weitgehend einig gewesen, dass es lediglich 56 Millionen Tonnen seien. Was wie ein unbedeutender Nebenschauplatz der Weltwirtschaft klingt, hat unmittelbaren Einfluss auf den Ölpreis, der Milliarden Dollar hin- und herbewegt.

8/2017

Dieser Text stammt aus dem August-Heft von Technology Review (ab 20.7. im Handel und im heise shop erhältlich). Weitere Themen der Ausgabe:

Neue Erkenntnisse dank Satellitenbilder

Der Fall ist ein Beispiel dafür, wie hochaufgelöste Satellitenbilder, gepaart mit intelligenter Software, zu überraschenden neuen Erkenntnissen führen kann, wie das Magazin Technology Review in seiner aktuellen August-Ausgabe berichtet (jetzt am Kiosk oder hier zu bestellen).

Zutage brachte die gewaltigen Ölreserven das kalifornische Start-up Orbital Insight. Das Unternehmen um den ehemaligen Google-Manager James Crawford setzte dabei nicht wie bei Analysten üblich auf Umfragen und öffentlich zugängliche Zahlen und Statistiken, sondern auf Fakten aus dem All: Da die oberirdischen Tanks auf dem Öl schwimmende Dächer haben, verrät der auf Satellitenbildern sichtbare Schattenwurf den Füllstand. Dabei gilt: Je größer der Schatten, desto leerer der Tank. Die Information war Milliarden wert – und raubte China seinen strategischen Vorteil im Erdölhandel.

Einblicke mit Satellitendaten und intelligenter Software

Crawford kann aus Satellitenbildern aber noch weit mehr ablesen: globale Schiffsbewegungen, aktuelle Fortschritte auf Großbaustellen, den Reifegrad von Maisfeldern. Einige seiner Kunden, dem Vernehmen nach große Hedgefonds, lassen Parkplätze vor Einkaufszentren beobachten, um möglichst frühzeitig Informationen über die Umsatzentwicklung von Kaufhäusern zu bekommen.

Möglich macht diese detaillierten Einblicke die Kombination aus intelligenter Analysesoftware und technischen Fortschritten in der künstlichen Intelligenz, der Elektronik, der Materialforschung und der Sensorik. Alles zusammen führt dazu, dass Bau und Transfer von Satelliten ins All immer günstiger werden.

Interesse an Satellitendaten

Neben Orbital Insight hat auch SAP ein Geschäftsmodell für die Datenanalyse entwickelt. “Wir reichern die frei verfügbaren Satelliten-Rohdaten der Esa über unsere Analyseverfahren mit zusätzlichem Wissen an und bieten diese veredelten Daten dann über die Cloud verschiedenen Interessenten an“, erläutert SAP-Manager Carsten Linz. Dazu hat das Unternehmen gerade in Kooperation mit der Esa den SAP Earth Observation Analysis Service aufgebaut, der seit Anfang 2017 verfügbar ist. Vor allem die Daten der Sentinel-Satelliten böten eine ideale Grundlage für neue Kundenservices, so Linz. Seit die Esa ihre Daten frei zur Verfügung stellt, sei das Interesse an den Aufzeichnungen der Satelliten sprunghaft gestiegen.

Der Versicherungskonzern Münchner Rück war einer der ersten Kunden von SAP, der von diesen Vorhersagen Gebrauch gemacht hat. Hinnerk Gildhoff, der bei SAP die Satellitendaten weiterverarbeitet, geht davon aus, dass sich die Nutzung der Informationen immer mehr zum Mainstream entwickeln wird. “Ähnlich wie wir das heute von hochaufgelösten Karten kennen, werden wir Anwendungen, die Satellitendaten nutzen, zunehmend auf dem Handy darstellen können”, sagt Gildhoff. In der Landwirtschaft ist das bereits möglich: Hier bekommen Bauern auf Wunsch automatische Reports, um bei Schädlingsbefall oder Trockenheit schneller reagieren zu können.

Konkurrenz am Himmel

Inzwischen zieht das Geschäft mit der Erdbeobachtung auch immer mehr Privatunternehmen an. Um gegen die frei verfügbaren Bilder der Raumfahrtbehörden bestehen zu können, liefern sie eine deutlich höhere Auflösung. Die besten Sentinel-Satelliten schaffen maximal zehn Meter pro Pixel. Der private Anbieter DigitalGlobe liegt schon bei 31 Zentimetern.


(grh)