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Porsche Cayenne (2017): Test Wird der Cayenne zum Panamera?

— 30.08.2017

Wird der Cayenne zum Panamera?

Die dritte Generation des Porsche Cayenne ist eine komplette Neuentwicklung – sieht aber aus wie der Vorgänger. AUTO BILD hat schon im Porsche-SUV gesessen!

Vorstellung: Unterm Blech ist alles neu

Alte Optik, neue Technik: Das könnte man auf den ersten Blick denken! Porsche verspricht allerdings, dass beim Cayenne alles neu ist. Die dritte Generation des Porsche-SUV wurde komplett neu konstruiert. Wie bereits Audi Q7 und Bentley Bentayga steht auch der neue Cayenne auf der MLB-Plattform. Eine Kombination aus Aluminium, Kohlefaser und hochfestem Stahl soll den Porsche leichter und agiler machen.

Hand aufs Herz: Die Änderungen an der Front sind eigentlich gar nicht zu erkennen.

Beim Design will sich Porsche ganz bewusst am 911 orientiert haben. Fakt ist, an der Front ist der neue Cayenne kaum vom alten zu unterscheiden. Die Lufteinlässe sind ein bisschen größer – das wars. Insgesamt ist der Cayenne sechs Zentimeter länger und minimal flacher als bisher. Der Radstand bleibt bei unveränderten 2,90 Metern. Eine kleine Überraschung gibt es am Heck: der Offroader trägt das vom Panamera bekannte durchgängige Leuchtband. Das war zwar zu erwarten, ist aber trotzdem neu. Insgesamt wird das SUV ganz behutsam an die aktuelle Design-Sprache von Porsche angepasst. Ehrlich gesagt könnte der neue Cayenne optisch aber auch glatt als Facelift durchgehen. Dank Alu-Karosserie und weiteren Alu-Teilen konnte Porsche das Gewicht trotz Mehrausstattung um 55 Kilo auf 1985 Kilo senken. Die von den meisten Kunden nicht genutzten Offroad-Fähigkeiten sollen dem Cayenne erhalten bleiben. Messepremiere hat die dritte Generation des Porsche Cayenne auf der IAA 2017 (14. bis 24. September). Der Konkurrent für BMW X5 und Mercedes GLE ist ab sofort mit zwei Motorisierungen bestellbar, die ersten Exemplare werden noch 2017 ausgeliefert. Mindestens 74.828 Euro werden für den neuen 340 PS starken Cayenne fällig, der stärkere Cayenne S startet bei 91.964 Euro.

Interieur: Das Cockpit ist technisch auf dem aktuellsten Stand

Das 12,3-Zoll Display ist vom Panamera bekannt. In der Mittelkonsole wurden einige Knöpfe eingespart.

Je nachdem von welcher Seite sich der Fahrer dem neuen Cayenne nähert, kommen Zweifel auf ob es sich tatsächlich um die dritte Generation und somit um ein komplett neues Auto handelt oder es vielleicht doch nur ein Facelift ist. Im Innenraum herrscht dann aber Klarheit – das Cockpit ist tatsächlich komplett neu. Die Instrumente werden vom analogen Drehzahlmesser dominiert, natürlich mittig angeordnet, wie es sich für einen Porsche gehört. Rechts und links daneben strahlen zwei scharfe sieben Zoll große Displays, die sich individuell konfigurieren lassen: Navi, Geschwindigkeit, Musik – alles nur einen Knopfdruck entfernt. Das passiert dabei fast schon intuitiv über die Lenkradtasten und ist auch für Porsche-Neulinge kein Problem.

Porsche Advanced Cockpit aus dem Panamera

Herzstück ist das im Cayenne neue Porsche Advanced Cockpit mit 12,3-Zoll Touchscreen. Das System ist auf dem aktuellsten Stand und braucht sich nicht vor der Konkurrenz zu verstecken: Spracheingabe, Annäherungssensor und stockscharfe Darstellung inklusive. Die typischen, ausgelutschten Vergleiche spare ich mir und Ihnen an dieser Stelle. Nur so viel: Ja, das Display ist groß, ja, es reagiert extrem schnell und ja, man kann mit zwei Fingern zoomen. Und nein, deswegen ist es noch kein iPad. Eine Sache, die mir negativ aufgefallen ist: Das Navi benötigt bei Einschalten der Zündung locker zehn Sekunden, bevor es einsatzbereit ist. Beim heutigen Stand der Technik sollte das doch schneller möglich sein. Abgesehen davon ist das System aber sehr schnell und extrem einfach zu bedienen. Stolz ist Porsche auf die aus dem Panamera bekannte Mittelkonsole. Außer einem Drehdrück-Knopf, der Lautstärke- und Klimaregelung gibt es hier keine echten Knöpfe und Tasten mehr. Porsche verspricht, eine Vielzahl von Schaltern eingespart zu haben. Stattdessen gibt es im Cayenne eine Glasfläche mit Touchflächen. Das Auswählen der einzelnen Funktionen klappt dank haptischer und akustischer Rückmeldung ohne Probleme. Aber aufgeräumter wirkt das Cockpit dadurch nicht. Genau genommen wurden die normalen Tasten einfach durch Touchflächen ersetzt. Das ist modern und sieht gut aus, zumindest solange man vorher keine Pommes gegessen hat und fettige Fingerabdrücke auf der Klavierlackschwarzen Oberfläche hinterlässt. Außerdem bleibt die Frage was passiert wenn eine Fläche kaputt geht? Muss dann die gesamte Mittelkonsole ausgetauscht werden?

Die äußeren Lüftungsdüsen sind wie beim Vorgänger länglich designt, die mittigen Luftauslässe sind jetzt horizontal ausgerichtet aufgrund des großen Bildschirms. Typisch Cayenne sind die Haltegriffe links und rechts der Mittelkonsole, die bisher alle Cayenne hatten. Ganz neu ist der runde Mode-Schalter am Lenkrad des Cayenne, den es nur in Verbindung mit dem überarbeiteten Sport Chrono-Paket gibt. Sitze und Verarbeitungsqualität lassen keine Wünsche offen und sind auf höchstem Niveau. Gute Nachrichten für Familien: Das Kofferraumvolumen des neuen Cayenne wächst um 100 Liter auf 770 Liter.

Wer verdient die Auto-Oscars?

Fahren: Mitfahrt im Prototypen

Gut, dass sich die Proportionen des kommenden Porsche Cayenne kaum geändert haben: So rauschen wir mit unserer Kolonne von Prototypen beinahe inkognito durch die Landschaft. Haube, Lufteinlässe, Fensterpartie: Das alles sieht fast genauso aus wie beim aktuellen Modell. Man muss schon zweimal hinschauen, um zu bemerken, dass hier etwas nicht stimmt. Technisch aber ist der Sprung zur dritten Cayenne-Modellgeneration weitaus größer als jener vom ersten zum zweiten Cayenne, der 2010 auf den Markt kam.

Die Cayenne-Kolonne auf letzten Testfahrten. Der Cayenne Turbo ist Produktions-Vorserie, Basis- und S-Modell sind aus der Nullserie.

Damals fiel unter anderem das Verteilergetriebe heraus, mit dem die erste Variante zum Extrem-Off-Roader wurde. Doch die Plattform blieb die gleiche. Jetzt vollzieht Porsche den Schritt zur MLB-Evo-Architektur, die bei Audi entstanden ist und Basis einer hochmodernen elektronischen Architektur ist. Es gibt sie in zwei Radständen; der Cayenne steht auf der kürzeren Variante. Für den Mitfahrer im Prototypen bedeutet dies vor allem eins: enorme Fahrdynamik, die eigentlich alles in den Schatten stellt, was im SUV-Segment bisher geboten wurde. Der Cayenne folgt den Befehlen des Fahrers mit unglaublicher Präzision, die Motoren sprechen bissig an, Seitenneigung findet praktisch nicht statt. Die V6-Motoren klingen dabei besonders seidig, der V8 lässt ein arttypisches Grollen vernehmen. Schon vom Beifahrersitz wird klar: Kein SUV ist sportlicher und agiler.

Ausstattung: Cayenne erstmals mit Hinterradlenkung

LED-Scheinwerfer sind beim neuen Cayenne Serie, Matrix-LED mit 84 einzeln gesteuerten Leuchtdioden kostet extra.

Für die dritte Generation hat Porsche gleich mehrere neue Features am Start. Erstmals gibt es den Cayenne mit Hinterachslenkung für bessere Dynamik und einen kleineren Wendekreis. Ebenfalls neu ist die Mischbereifung mit breiteren Reifen an der Hinterachse. Eine Innovation laut Porsche ist die sogenannte PSCB-Bremse. Die Abkürzung steht für “Porsche Surface Coated Brake”. Bei dieser Neuentwicklung handelt es sich um Gragussscheiben mit Wolframcarbid-Beschichtung. Die Vorteile: weniger Verschleiß und Bremsstaub. Erkennbar ist die neue Bremse an weißen Bremssätteln. Darüber rangiert weiterhin die Carbon-Keramik-Bremse (PCCB). Wer die PSCB-Bremse bestellt, muss mindestens 20-Zoll-Felgen ankreuzen, serienmäßig wird der Cayenne auf 19-Zöllern ausgeliefert. Ebenfalls zur Serienausstattung gehören der aktive Allradantrieb und LED-Scheinwerfer. LED-Matrix-Licht und elektrische Wankstabilisierung PDCC müssen genauso extra bezahlt werden wie das Sport Chrono-Paket.

Connectivity: Assistentzsysteme sind an Bord

Dank Porsche Connect Plus ist der neue Cayenne immer vernetzt. Durch Online-Navigation mit Echtzeit-Verkehr soll Stau der Vergangenheit angehören. Ansonsten übernimmt der Cayenne das Infotainment-Angebot und die Assistenzsysteme aus dem Limousinenbruder Panamera. Zu den Assistenten gehören: Nachtsicht mit Wärmebildkamera, Spurwechsel-, Stau-, Park- und Spurhalteassistent mit Verkehrszeichenerkennung. Ganz neu ist die Offroad Precision App, mit der Geländeabenteuer aufgenommen werden können.

Motoren: Zwei Motorisierungen zum Marktstart

Der dritte Cayenne ist ab sofort mit zwei Motorisierungen bestellbar. Die Kunden haben vorerst die Wahl zwischen einem Dreiliter-Sechszylinder mit 340 PS im Cayenne, der im Vergleich zum Vorgänger 40 PS mehr hat. Der Cayenne S kommt mit einem 2,9-Liter-V6-Biturbo und 440 PS – 20 PS mehr als bisher. Als sicher gilt der Cayenne Turbo mit Vierliter-V8-Biturbo und 550 PS. Später wird es Plug-In-Hybride geben – zunächst auf Basis des V6-Biturbos, später wohl auch in Verbindung mit dem V8. Das Topmodell könnte der Cayenne Turbo S e-Hybrid mit 680 PS werden. Wenn die Kunden sparsame und drehmomentstarke Dieselvarianten nachfragen, wird Porsche ebenfalls liefern können. Das Getriebe ist überall das gleiche: Porsche setzt beim neuen Cayenne ausschließlich auf eine Achtgang-Automatik von ZF.

Technische Daten und Preise: Cayenne startet bei 74.828 Euro

Für den neuen Cayenne bietet Porsche zwei Motorisierungen an: den Cayenne mit 340 PS und den Cayenne S mit 440 PS – beide setzen auf einen Sechszylinder, das neue Achtgang-Tiptronic S-Getriebe und aktiven Allradantrieb. Das Basismodell Cayenne ist 245 km/h schnell und schafft den Sprint auf 100 km/h in 6,2 Sekunden (5,9 Sekunden mit Sport Chrono-Paket). Der 440 PS starke Cayenne S hat einen Topspeed von 265 km/h und beschleunigt in 5,2 Sekunden auf 100 km/h (4,9 Sekunden mit Sport Chrono-Paket). Der Einstiegspreis für den Basis-Cayenne liegt bei 74.828 Euro, der Cayenne S startet bei 91.964 Euro

Gebrauchtwagen: Cayenne fahren für unter 10.000 Euro

Der erste Porsche Cayenne kam 2002 auf den Markt. Frühe Modelle mit hohen Laufleistungen gibt es für weniger als 10.000 Euro.

Der erste Porsche Cayenne (9PA) kam 2002 auf den Markt und wurde bis 2010 gebaut (Leistung 240 bis 550 PS). Frühe Modelle (bis 2005) mit hohen Laufleistungen gibt es schon deutlich unter 10.000 Euro. Aber Vorsicht, die Unterhaltskosten sind extrem hoch – außerdem verschleißen Reifen und Bremsen vergleichsweise schnell. Weniger runtergerockte Modelle mit gut 100.000 Kilometern auf der Uhr stehen ab 13.000 Euro beim (freien) Händler oder beim Privatanbieter. Das erste Facelift für den Cayenne gab es 2007, der Diesel ist seit 2009 im Angebot und wertstabiler als die durstigen Benziner. Vernünftige Facelift-Modelle beginnen bei rund 20.000 Euro. Deutlich teurer ist die seit Mitte 2010 erhältliche zweite Generation des Porsche Cayenne (92A). Die ist als Gebrauchter ab etwa 38.000 Euro zu haben. Im Herbst 2014 bekam Generation zwei ein Facelift. Die noch jungen gebrauchten Porsche Cayenne sind ab etwa 60.000 Euro zu haben. Für alle Cayenne gilt: Hohe Unterhaltskosten stehen Bestnoten beim TÜV-Report gegenüber. Tipp: nur regelmäßig bei Porsche gewartete Cayenne kaufen.

Auf einen Blick: Gebrauchte Porsche Cayenne

Autor:

Jan Götze

Fazit

Ich behaupte: Die dritte Generation des Porsche Cayenne wird ein Erfolg! Das Heck des neuen Cayenne hat Porsche formschön hinbekommen und gut an die aktuelle Designsprache angepasst. Der Innenraum ist jetzt wieder voll auf der Höhe der Zeit – das war nötig. Nur bei der Front hätte sich Porsche mehr trauen können. Evolution ist schön und gut aber auch Laien sollten ein neues Modell als solches erkennen.

Autoren: Jan Götze, Jens Meiners