/“Missing Link”: “Kill it with fire!” – Vielfalt und Rücksicht, aber nicht für Wespen

“Missing Link”: “Kill it with fire!” – Vielfalt und Rücksicht, aber nicht für Wespen

“Missing Link”: “Kill it with fire!” – Vielfalt und Rücksicht, aber nicht für Wespen


Clemens Gleich

Einerseits plädieren wir für Vielfalt und predigen Tierliebe, andererseits vernichten wir voller Tatendrang, alles was da kreucht und fleucht. Wenn wir das nicht ändern, stehen wir bald ziemlich einsam da – nur noch mit Hunden und Katzen.

Die Gemeine Wespe ist ein Arschloch, weiß der ebenso gemeine Facebook-Leser. Sie sollte daher vernichtet werden, am besten mit Feuer, zusammen mit der gesamten Schwesternschaft ihrer fremdartigen Brut. Im selben Stream wenig weiter unten dann ein Aufruf zu “mehr Vielfalt wagen”. Kaum jemandem fällt der Widerspruch auf. Er ist zu menschlich. Er lohnt gerade deshalb eine genauere Betrachtung.

Als ich noch ein Kind war, sah unser Auto nach einer Landstraßenfahrt aus, als hätte es ein riesiger Frosch ausgekotzt. Eine Kruste toter Insekten bedeckte den Lack und die Scheiben so dick, dass wir beim Tanken immer etwas davon entfernen mussten, um noch etwas zu sehen. Autofahrer wissen, dass selbst die modernste Scheibenwaschanlage arge Probleme hat, geplättete, getrocknete Insekten zu entfernen. Wenn ich heute 2000 Kilometer mit der steilen Frontscheibe eines Transporters durch die Republik fahre, finde ich dennoch nur einen Bruchteil der Insekten.

“Missing Link”

Missing Link

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Auf dem Motorrad fällt auf, was viele Autofahrer auch feststellen: In manchen Tälern wimmelt es immer noch von bestimmten Insekten, die schon nach wenigen Kilometern das Visier zugepflastert haben. Es sind aber Ausnahmen. Das deckt sich mit den Erhebungen der Insektenforscher. Im Vergleich zu den Achtzigerjahren zählen sie insgesamt bis über 70 Prozent weniger Insekten in ihren Mengenfängen, finden aber ebenso Zonen, in denen es noch viele Tiere gibt. Auch die Verbindung von Tiermasse zu Geschwindigkeit zu Aerodynamik (daher mein Beispiel mit Transporterfenster) spielt eine Rolle beim beobachteten Besatz. Nicht-Autofahrer können ihre eigenen Kindheitsvergleiche mit Straßenlaternen oder beleuchteten Bettlaken ziehen, die nachts Falter anziehen.

Warum fiesele ich das überhaupt auf? Weil es sowieso im Forum passieren wird. Zumindest den ersten Schritt kann ich vorwegnehmen. Es gibt jedenfalls nach bestem Wissen und Gewissen in Deutschland deutlich weniger Insekten als früher. Das war kein Vulkan oder Gottes Zorn, sondern der Mensch drängt sie aus dem Leben, weil sie ihn stören. Als erstes trifft es immer die Spezialisten, nach und nach kommen aber alle dran. Bei Insekten interessiert das nur niemanden, weil man mit einem Ameisenlöwen eben kein Katzenvideo drehen kann. Der Frosch als Art wird von Hauskatzen unter Duldung ihrer Besitzer kaputtgespielt, weil er den Niedlichkeitsvergleich trotz Endoskelett verliert. Wir bemerken diese Entwicklung kaum, weil wir sie im Grunde des Herzens begrüßen. Insekten sind Dreck mit Beinen, und Frösche halten sich nicht an die Ruhezeiten ab 22:00 Uhr.