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Mercedes B-Klasse (W 246): Gebrauchtwagen-Test Endlich nicht mehr B-Ware?

— 29.09.2017

Endlich nicht mehr B-Ware?

Mit der zweiten Mercedes B-Klasse sollte die Qualität wieder top werden. Geklappt hat das jedoch nur in Ansätzen.

Haben Sie sich schon mal gefragt, warum kein Hersteller ein Modell extra für ältere Semester auf den Markt bringt? Die Antwort ist einfach: Weil es keiner kaufen würde – zumindest wenn es explizit für diese Personengruppe angeboten wird. Der Sex-Appeal eines automobilen Rollators ist limitiert. Also wird ein anderer Name erfunden. Bei Mercedes war man der Meinung, dass bei der B-Klasse der Begriff “Sports Tourer” gleichermaßen hüftfreundlichen Einstieg, angenehme Übersicht und hohe Variabilität zusammenfasst. Dass dennoch kaum Hipster, Surfer oder junge Familien zur B-Klasse greifen – geschenkt. Der kommerzielle Erfolg gibt den Schwaben recht. Die erste Version verkaufte sich zwischen 2005 und 2011 mehr als 700.000-mal. Doch es gab auch anhaltende Kritik. Das Fahrwerk war zu starr, die Innengeräusche zu laut, dazu kratzten Rostprobleme am positiven Mercedes-Image. Die Stuttgarter gaben sich reumütig und gelobten bei der 2011 eingeführten zweiten Auflage, intern W 246 genannt, Besserung. Mit Erfolg. Im neuen AUTO BILD TÜV-Report 2018 (ab 10. November 2017 am Kiosk) belegt die B-Klasse bei den vier- bis fünfjährigen Modellen einen hervorragenden ersten Platz. Im AUTO BILD-Dauertest kam ein 2013er B 200 CDI auf eine gute 2–.

Gebrauchtwagensuche: Mercedes B-Klasse

Das Thema Rost kommt auch hier wieder zum Tragen

Bei einigen Modellen kam es zu Federbrüchen aufgrund von Durchrostungen. Beim Testwagen sah alles gut aus.

Alles bestens also bei dem Benz? Leider nicht, denn viele Probleme treten bei der Hauptuntersuchung gar nicht zum Vorschein. Da wäre der Rost. Das leidige Thema verfolgt Mercedes seit vielen Jahren. Beim Vorgänger waren Federbeine, Türen und Falze betroffen, beim aktuellen Modell sind es bis jetzt “nur” die Türunterkanten. Immerhin: Mercedes hat Angst vor Imageschäden, tauscht schnell und leise auf Kulanz. In einigen Fällen sorgte die voranschreitende Oxidation auch für gebrochene Federn. Deutlich häufiger und nicht weniger sicherheitsrelevant: Spinnereien in der Bordelektronik. Bei der Dauertest-B-Klasse sorgte immer wieder der unüberlegt agierende Kollisionswarner für Adrenalinschübe, wenn er ohne erkennbaren Grund bei Tempo 180 eine Vollbremsung einleitete, um anschließend im Notlaufprogramm mit 80 km/h die Laster zu blockieren. Erst das Aufspielen einer neuen Software half. Sonst gab es nur Kleinkram. Trotzdem fiel das Urteil der Kollegen durchwachsen aus. Der Motor lief kräftig, aber zu laut. Das Platzangebot war sehr gut, die Sitzflächen aber viel zu kurz. Die Straßenlage ist sicher, die Fahrwerksabstimmung aber unnötig hart und staksig. In der Summe festigte sich ein Komforteindruck, der für einige “auf längeren Strecken kaum zu ertragen” war. Ein vernichtendes Urteil für ein Fahrzeug, das neu mindestens 25.000 Euro, oft weit über 40.000 Euro gekostet hat.

Bei den Motoren empfiehlt sich die goldene Mitte

Der 1,6-Liter im B 180 leistet 122 kultivierte und standfeste PS – eine Empfehlung.

Auch die Trinkgewohnheiten ließen zu wünschen übrig. Mit 6,9 Litern lag der 136-PS-Diesel 57 Prozent über der Werksangabe. Zumal ein bei AUTO BILD getesteter B 180 denselben Wert erreichte. Der hat als Benziner mit Euro 6 zudem vorerst keine politischen Konsequenzen zu befürchten. Dass Mercedes die Kombination aus Downsizing und Turbo im Griff hat, beweist ein 2013er A 180, der im AUTO BILD-Dauertest bald die 250.000-Kilometer-Marke knackt – ohne Zwischenfälle. Bei den Motoren empfiehlt sich die goldene Mitte. Der Basis-B-160 mit 102 PS ist mit der wuchtigen B-Klasse überfordert, bei den Top-Modellen B 220 und B 250 passen Preisniveau und Komfortdefizite endgültig nicht mehr zueinander. Das ausgewogene Mittelfeld B 180 und B 200 ist daher erste Wahl. Schwieriger wird’s beim Getriebe. Eigentlich ist so ein Nahverkehrsdampfer ein klarer Fall für eine Automatik, doch Mercedes hat nur das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe 7G-DCT im Programm. Im Dauertest nervte es mit seiner spitz abgestimmten Anfahrkupplung und hektischen Schaltmanövern. Werden dann noch 1500 Euro für eine neue Steuereinheit fällig, sieht jeder Besitzer nur noch Sterne. Die manuelle Sechsgang-Schaltbox hält länger. Schlechter Komfort und Rumpelautomatik in einem Auto für Senioren? Dem Erfolg der Mercedes B-Klasse hat das bislang nicht geschadet, zumal die Qualität stimmt und der Konkurrent Golf Plus nicht besser ist.

Was beim AUTO BILD-Testwagen aufgefallen ist, und auf welche Mängel Käufer bei der Mercedes B-Klasse außerdem achten sollten, erfahren Sie in der Bildergalerie.