/Kunst ohne Tod: Transhumanismus auf Russisch

Kunst ohne Tod: Transhumanismus auf Russisch

Kunst ohne Tod: Transhumanismus auf Russisch


Ralf Bülow

Haus der Kulturen der Welt

(Bild: Ralf Bülow)

Das Berliner Haus der Kulturen der Welt zeigt die Ausstellung “Art Without Death: Russischer Kosmismus”. Die beleuchtet eine geistige Strömung, die seit der Zarenzeit die Erneuerung des Menschen propagierte und auch in die Raumfahrt ausstrahlte.

Trickfilmkönig Walt Disney hat es – angeblich – getan, Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel hat es noch vor sich: das Einfrieren nach dem Exitus. Wenn die Wissenschaft einmal so weit ist, wird der kryogenisch konservierte Körper wiederbelebt und tritt einen zweiten Durchgang an. Wer sich schon zu Lebzeiten upgraden möchte, lässt sich in Hamburg einen Mikrochip implantieren und kann dann ohne Schlüssel die Haustür öffnen.

Träume von Unsterblichkeit

Die Idee der menschlichen Erneuerung ist aber viel älter. Lange bevor die NASA den Cyborg postulierte, grübelten russische Denker über die Verbesserung des Menschen und seine Unsterblichkeit. Eine künstlerische und filmische Präsentation ihrer Ideen zeigt jetzt das Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Die Ausstellung “Art Without Death” lotet die Tiefen des Kosmismus aus, der unter dem letzten Zaren geboren wurde und nach der Oktoberrevolution zur philosophischen Avantgarde aufstieg.

Ein Gründer der Bewegung war der Bibliothekar Nikolai Fjodorow (1829-1903). In der posthum erschienenen “Philosophie der gemeinsamen Tat” rief er die Menschheit auf, den Tod auf technischem Wege zu überwinden. Dabei dachte er sowohl an das Verlängern des Lebens als auch an eine Art Klonen von Verstorbenen. Der zweite und im Westen bekanntere Urahn war der Lehrer Konstantin Ziolkowski (1857-1935). Er schuf die Theorie des Raketenflugs und daneben viele Aufsätze zur Besiedlung des Alls.

Im Foyer des Kulturhauses empfängt den Besucher ein großer Tisch in Sternform, in den Porträts bedeutender Kosmisten eingraviert sind. Das Möbelstück stammt vom Moskauer Künstler Arseni Schiljajew. Der englische Titel “Intergalactic Mobile Fedorov Museum-Library” erinnert an entsprechende Museumsträume von Fjodorow. Auf dem Tisch liegen Bücher zum Thema, und darüber leuchten therapeutische Lampen, wie sie einst der Biokosmist Alexander Tschischewski (1897-1964) erfand.

Russische Avantgarde

Die Schau “Cosmic Imagination” zeigt anschließend im kleinen Ausstellungssaal kosmistische und kosmistisch angehauchte Bilder der Sammlung George Costakis. Einen Überblick über die Werke bringt die dicke Pressemappe (ab Seite 37); die Auswahl nahm der Philosoph und Kunsttheoretiker Boris Groys vor. Die Costakis-Sammlung in Thessaloniki ist die umfangreichste Kollektion russischer Avantgarde-Kunst außerhalb des Landes.

Der große Ausstellungsraum des Hauses enthält keine Kunstwerke, sondern drei tiefschwarze Mausoleen, in denen Videos über die Geschichte und die Ideen des Kosmismus laufen. Es sind die drei Teile des Projekts “Immortality for All” des Filmemachers Anton Vidokle, der in New York und Berlin lebt. Am Rande des Saales findet der Besucher außerdem eine lange Timeline der Philosophie, die vom 18. Jahrhundert bis zu den Raumflügen von Juri Gagarin und Kollegen führt.

Anfang Oktober erscheint das erste Begleitbuch zur Ausstellung, “Art Without Death: Conversations on Russian Cosmism”. Das zweite mit dem Titel “Kosmismus” und in deutscher Sprache folgt im März 2018. Wer nicht so lange warten möchte, dem empfehlen wir den Sammelband „Die Neue Menschheit“, der seit 2005 Auszüge aus den wichtigsten kosmistischen Texten bietet, und natürlich den Spielfilm Spielfilm “Aelita” aus dem goldenen Zeitalter unserer Philosophie.


(mho)