/Kommentar zum Solaris-Ende: Ein roter Elefant im IT-Laden

Kommentar zum Solaris-Ende: Ein roter Elefant im IT-Laden

Kommentar zum Solaris-Ende: Ein roter Elefant im IT-Laden


Wolfgang Stief

(Bild: dpa, Everett Kennedy Brown)

Oracle hat mit den jüngsten Kündigungen wohl das Ende für Solaris eingeläutet. Das Vorgehen erinnert dabei stark an den Dickhäuter im Porzellangeschäft, meint der langjährige Solaris-Kenner Wolfgang Stief.

Was sich schon seit ein paar Wochen langsam durch die Gerüchteküche frisst, ist seit Dienstag Gewissheit: Oracle setzt weltweit in großem Stil Mitarbeiter auf die Straße. Allein am Standort Santa Clara sind fast 1000 Arbeitsplätze betroffen, etwas über 600 davon im Hardware-Bereich. Weltweit ist die Rede von 2000 bis 2500 Personen, neben Hardware trifft es Gerüchten zufolge auch einen großen Teil des Solaris-Engineering.

Ein Kommentar von Wolfgang Stief

Ein Kommentar von Wolfgang Stief

Wolfgang Stief war viele Jahre bei einem Sun-Partner in München beschäftigt und 2008 einer der Initiatoren der OpenSolaris Developer Conference. Derzeit ist er tätig im Vorstand der sys4 AG.

Erst war ich sauer. Dann enttäuscht. Dann war es mir fast schon egal, weil ändern kann ich daran ohnehin nichts: Dieser große, rote Elefant im IT-Laden will mir mein SPARC kaputt machen. Und das Solaris gleich noch dazu.

Spätestens mit dem Weggang von John Fowler Anfang August war klar, dass da irgendwas im Busch ist. Fowler war schon bei Sun über Jahre verantwortlich für SPARC und Solaris. Diese Aufgabe führte er auch nach der Übernahme durch Oracle als der für das Systemgeschäft zuständige Executive Vice President weiter. Wenn solche Leute relativ sang- und klanglos das Schiff verlassen, ist das selten ein gutes Zeichen.

Bereits mit dem Kauf von Sun durch Oracle sprangen viele Solaris-Entwickler ab und wandten sich Firmen zu, deren Geschäftsmodell auf dem quelloffenen OpenSolaris basierte: Entwickler, die verantwortlich waren für Konzepte und Werkzeuge wie ZFS, Solaris Zones, System Management Framework (SMF), Fault Management Facility (FMA) oder DTrace. Allesamt eingeführt mit Solaris 10, und von dort zu Sun-Zeiten Stück für Stück als OpenSolaris quelloffen veröffentlicht.

Alle Türen von innen verriegelt

Nur wenige Wochen nachdem Oracle sich Sun einverleibt hatte, holten sie den Quellcode wieder zurück ins eigene Imperium und verriegelten kommentarlos alle Türen fest von innen. Das, was damals noch OpenSolaris hieß, wird seitdem von der Community als Illumos außerhalb des roten Riesen weiter gepflegt und entwickelt. Bekanntere Distributionen sind SmartOS, OpenIndiana und OmniOS.

Für SPARC könnte grundsätzlich dasselbe passieren: Die Architektur des Microcodes ist dokumentiert und frei zugänglich, für UltraSPARC T1 und UltraSPARC T2 sind sogar (noch) die quelloffenen Verilog-Sourcen zu bekommen. Allerdings ist weltweit die Menge an Nerds, die in ihrer Freizeit CPUs designen, signifikant kleiner, als die derer, die an Betriebssystemen programmieren. Und nicht zuletzt ist die Herstellung einer CPU natürlich um ein Vielfaches teurer, als mal eben einen neuen Kernel zu kompilieren.

Hoffnung für SPARC?

Allerdings gehören dem Konsortium mehr als ein Dutzend Firmen wie Fujitsu an. Letztere nutzen alternative SPARC-Prozessoren als Geschäftsmodell. Zumindest derzeit ist nicht abzusehen, dass Fujitsu diesen Geschäftsbereich einstellen will. Kürzlich aufgetauchte Patches für SPARC-CPUs im Linux-Kernel und im GCC-Quellcode deuten darauf hin, dass hier auch ohne Oracle eine Weiterentwicklung passiert.

Ich wünsche mir, dass einiges vom Solaris-Knowhow seinen Weg nach Linux findet. Dort gibt es durchaus ein paar dunkle Ecken, die davon profitieren könnten. Zu erwarten ist, dass die Illumos-Community einen Aufschwung erfährt: Firmen, die damit Geld verdienen (und Code zurück an die Community geben), haben offene Stellen im Engineering. Und für SPARC schaue ich halt in Zukunft mehr nach Japan zu Fujitsu, als nach Santa Clara im Silicon Valley.

Treue Sun-Kundschaft zuverlässig vergrault

Und Oracle? Für die sind die Entlassungen sicherlich eine wirtschaftliche Entscheidung. Liefen etwa zum Millenniumswechsel viele ernsthafte Internetangebote noch auf Suns hatten sich zehn Jahre später Linux-Cluster auf Intel-Hardware durchgesetzt. Darüber hinaus ruft schon eine Weile die Cloud, deren Anfänge man – allen voran Larry Ellison – definitiv verpennt hat. Und als Konkurrenz für heutige x86_64-Systeme ist SPARC schlicht zu teuer. Die treue Sun-Kundschaft hat sich Oracle schon ein paar Jahre früher vergrault, als der Support stetig teurer, aber auch stetig schlechter wurde und das Partnermodell zwar attraktiv für Oracle, aber nicht mehr attraktiv für Partner war.

Gekniffen sind Firmen mit bestehenden Solaris-Umgebungen beziehungsweise -Anwendungen. Es ist zumindest zweifelhaft, das diese ernsthaft erwägen, ihre Solaris-Infrastruktur durch OpenIndiana & Co zu ersetzen.


(avr)