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Kommentar: Schnelles Internet für alle != Glasfaser für alle

Glasfaserkabel

(Bild: dpa, Jens Büttner)

Glasfaser für alle? Welch ein Unfug!, postulierte Ernst Ahlers in einem kontrovers diskutierten Kommentar. Nico Lange vom Landnetz e.V. reagiert darauf und kommentiert Nutzeransprüche sowie die ländliche Breitband-Versorgung.

Seit dem Siegeszug des Internet bis in die privaten Haushalte wird die Übertragungskapazität der verschiedenen Anschlusstechniken kontrovers diskutiert. Die anfangs üblichen Modem- und ISDN-Einwahlen reichten schon bald für den täglichen Gebrauch nicht mehr aus, weil sich z.B. die wenigsten Webseitenbetreiber Gedanken um die Dateigrößen von Bildern und mithin den Ladezeiten der gesamten Seiten machten. Mit dem Aufkommen von Multimedia-Inhalten und interaktiven Techniken (AJAX etc.) verstärkte sich der Bedarf an Leitungskapazität weiter.

Ich spreche hier absichtlich nicht von “Bandbreite”. Dieser Begriff stammt aus der Signaltechnik und bezeichnet die Breite eines (frequenzmodulierten) Signales um eine Mittenfrequenz herum. Bandbreite wurde für die Übertragungskapazität von Internetanschlüssen erst mit der Verbreitung der ADSL-Technik relevant. Die vorhandenen Telefonleitungen auf Kupferbasis wurden hierbei für die Hochfrequenzübertragung “missbraucht”, wofür sie nie konstruiert waren. In der Folge korreliert aus rein physikalischen Gründen die Übertragungskapazität einer xDSL-Verbindung (worunter die verschiedenen Ausprägungen ADSL, ADSL2+, SDSL, VDSL und Vectoring fallen) mit der Länge der Leitung zwischen DSLAM und xDSL-Modem beim Nutzer. Auch weniger bekannte Faktoren wie Leitungsquerschnitt, Anzahl paralleler xDSL-Signale und Flickstellen spielen eine Rolle.

Breitbandversorgung

Debatte: Breitband-Ausbau in Deutschland

Glasfaser-Internet ist in Deutschland ein Ladenhüter. Kein Wunder, denn Vectoring sei wirtschaftlich meist sinnvoller: Glasfaser für Alle? Welch ein Unfug!, kommentierte Ernst Ahlers – und löste damit eine heftige Debatte aus, nicht nur im Diskussionsforum. Einige Reaktionen Pro und Contra veröffentlichen wir in diesen Tagen.

Aus den selben Gründen sind Kabelfernseh-Anbieter im Vorteil: Ihre für die Fernsehübertragung optimierten Koaxialleitungen sind ideal für die Verwendung als bidirektionale Datenleitung. Kommende Standards wie DOCSIS 3.1 werden hier die Anschlusskapazitäten bis weit in den Gigabit-Bereich treiben können. Daher werden diese Anbieter den Wettbewerb mit den Telefonnetzbetreibern um die höchsten Anschlusskapazitäten unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten locker für sich entscheiden. Wiewohl auch nur dort, wo Kabelfernsehen ausgebaut wurde: In Städten und Ballungszentren. Auf dem dünn besiedelten Land hingegen schaut man bis heute überwiegend via Satellit in die Fernseh-Röhre – Kabelfernsehen Fehlanzeige.

Auf dem Lande wuchs der Bandbreitenbedarf keinesfalls in geringerem Umfang als in den Städten. Jedoch klaffte hier die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage immer weiter zu Lasten der Nutzer auseinander. Die Physik zwingt die DSLAMs und die xDSL-Modems beim Kunden immer näher zu einander, die Ökonomie wirkt dem bremsend entgegen. In der Folge wurden ganze Landstriche vom technischen Fortschritt abgeklemmt.

Aus diesem Dilemma heraus entstanden in den letzten 20 Jahren verschiedene Bürgerinitiativen, welche sich mit Einfallsreichtum und jeder Menge ehrenamtlicher Arbeit der Sache annahmen. So auch unser Landnetz e.V., über den die c’t im Laufe der Jahre mehrmals berichtet hat. Weil die Telefonleitungen sowohl aus technischer wie auch aus bürokratischer Sicht für uns unerreichbar waren, nutzten wir die aufkommende WLAN-Technik zur Datenübertragung. Die technische Evolution von WLAN über die Standards 11b (max. 11 MBit/s) und 11a (max. 54 MBit/s) bis hin zum aktuellen 11ac (max. 6936 MBit/s) war rasant und wir erlebten sie “live” mit.

Über den Autor
Nico Lange ist gelernter Informationselektroniker und hauptberuflich als Softwareentwickler tätig. 2004 gründete er mit einer Handvoll Enthusiasten den Landnetz e.V. In den letzten 13 Jahren erschloss der Verein acht Dörfer in Thüringen mittels Funktechnik. Er arbeitet mit Stadtwerken und regionalen Netzbetreibern zusammen, um schnelles Internet in das von kleinen Dörfern geprägte Hainichland in Thüringen zu bringen. Hierfür wurde Landnetz e.V. 2011 von der Bundesregierung im Wettbewerb “Menschen und Erfolge” ausgezeichnet.

War anfangs noch unser eigenes Netz der Flaschenhals, so verschob sich das Problem zusehends in Richtung des Übergabepunktes, also unserer Anbindung an das weltweite Netz. Dort sind wir anfangs noch mit xDSL unterwegs gewesen. Seit einigen Jahren verfügen wir über eine eigene FTTH-Anbindung, bereitgestellt wiederum nicht von einem der großen Anbieter sondern von einem regionalen Netzbetreiber. Mit diesem pflegen wir ein sehr kooperatives Verhältnis.

Nun sehen wir auch das Nutzerverhalten. Welche Tarifstufen werden gebucht und welche nicht? Als Verein wirtschaften wir nicht gewinnorientiert sondern peilen immer die schwarze Null an. Daher spiegeln unsere Tarife auch die realen Kosten wider. Vier Stufen bieten wir an, von 4 MBit/s symmetrisch für 17,85 Euro bis hin zu 16 MBit/s symmetrisch für 34,55 Euro im Monat. Dabei skaliert der Anteil für die variable Anschlusskapazität linear.

Für einzelne Firmen realisieren wir auch Spezialanbindungen mit 50 MBit/s symmetrisch für niedrige dreistellige Beträge im Monat. Das mag für das preiskampfverwöhnte Auge vieler privater Nutzer teuer erscheinen. Tatsächlich aber sind das realistische Preise. Ohne Quersubventionen aus anderen Geschäftsbereichen, wie z.B. Einnahmen aus Telefongebühren, lägen die Preise für schnelle Internetanschlüsse in Deutschland generell höher als heute üblich. Ein Grund, weshalb einige namhafte Netzbetreiber bis heute ihre Internet-Tarife zwangsweise mit Telefon-Tarifen koppeln.

Privatnutzer buchen bei uns ganz überwiegend die kleinsten Tarife. Das ist, wie man im Gespräch mit anderen Netzbetreibern so erfährt, dort nicht anders. Unterschiede ergeben sich hier zwar aus der Tarifstruktur, doch das “Grundrauschen” an Einnahmen generieren die Netzbetreiber mit den kleinen Tarifen. Wohl aus diesem Grund geht so mancher namhafter Netzbetreiber auch äußerst rabiat gegen kleine Bürgernetze vor, wie wir von befreundeten “Antennenvereinen” wissen. Vereine, die dereinst mit Steuergeldern gefördert wurden.

Vielleicht hat mancher Kunde kein “Gefühl” für seinen tatsächlichen Bedarf an Leitungskapazität. Der eine bezahlt lieber mehr für eine schnelle Leitung, die er nie ausreizt. Der andere spart und ärgert sich vielleicht gelegentlich über ruckelnde Youtube-Videos. Doch das ist Sache des Kunden. Wir Netzbetreiber müssen lediglich dafür sorgen, dass jeder Kunde so viel Kapazität erhalten kann, wie er von uns haben möchte. Das sehe ich als so eine Art Berufsehre unserer Zunft an – welche gerade von den Großen der Branche leider noch unterschätzt wird, insbesondere je weiter man sich von den Städten entfernt.

In Sachen Latenz und Kapazität stehen Funk- und Richtfunkverbindungen denen von xDSL- oder DOCSIS-Verbindungen in nichts nach. Begrenzender Faktor ist hierbei wie auch bei den Mobilfunkanbietern das Spektrum an verfügbaren Funkfrequenzen.

Als der Staat schließlich regulierend eingriff und (mehr oder weniger) verbindliche Ziele für den Ausbau an schnellen Internetanbindungen festlegte, kam Bewegung in die Sache. Plötzlich interessierten sich verschiedene Firmen für den Ausbau in der Fläche. Hier spreche ich vor allem von Thüringen, wo ich den besten Einblick in das Geschehen habe. Interessanterweise waren es gerade nicht die großen Namen, die hier aktiv wurden. Sondern vielmehr regionale Anbieter, mittelständisch geprägt, bis hin zu Ein-Mann-Firmen. Ein bunter Technologiemix aus Glasfaser, xDSL und Funk sorgt dafür, dass möglichst jeder potentielle Nutzer angeschlossen werden kann. Immer orientiert am konkreten Bedarf der Nutzer. Wenn der Nutzer dann auch noch die Wahl hat zwischen verschiedenen Anbietern und Übertragungstechniken, dann ist das doch großartig.

Seit geraumer Zeit nun verschiebt sich die gesellschaftliche wie auch politische Diskussion rund um den Netzausbau hin zu einer einseitigen Argumentation Pro-Glasfaser. Das halte ich aus mehreren Gründen für falsch. Geschichtlich gesehen hat die Glasfaser sogar schon einmal den Netzausbau behindert: Als in den Nachwendejahren das marode Telefonnetz der ehemaligen DDR in kurzer Zeit modernisiert werden musste, wurde auf die damals modernste Glasfasertechnik OPAL gesetzt.

Doch oh weh! Als sich die für Kupferleitungen optimierte xDSL-Technik durchsetzte, mutierten die so hoch gepriesenen OPAL-Leitungen zum Bremsklotz. Technisch wäre OPAL zu weit mehr als xDSL fähig gewesen, doch der Markt hat anders entschieden. In der Folge wurde gerade der Osten Deutschlands beim Internetausbau lange Jahre benachteiligt.

Technologie jedweder Art entwickelt sich heute sehr dynamisch. Niemand kann vorher sehen, welche nächste und übernächste Technikgeneration für welches Übertragungsmedium geeignet sein wird. So sehe ich auch die xDSL-Technik nur als einen Zwischenschritt. Denn je engmaschiger das Netz aus Outdoor-DSLAMs werden muss um höhere Anschlusskapazitäten zu erzielen, umso unwirtschaftlicher wird das Ganze. Denn was bei all dem Vectoring-Bashing völlig unerwähnt bleibt: Ein Outdoor-DSLAM zieht je nach Ausbau mit Linecards auch schon mal 1 kW Dauerlast aus dem Stromnetz. Im Sommer muss die resultierende Abwärme mit viel Getöse aus den grauen Kästen befördert werden – zum Leidwesen der jeweiligen Anwohner.

Irgendwann ist allein schon deswegen der Punkt erreicht, wo es billiger wird anstelle stromhungriger xDSL-Linecards stattdessen effiziente Fiber-Switche zu verbauen und die letzten paar Meter zum Nutzer Glasfaser zu verlegen. Oder vielleicht auch Koaxialkabel. Oder man lässt die Kabelei gleich ganz sein und funkt zum Endkunden. Dem ist es nämlich nach meiner Erfahrung völlig egal, auf welchem Wege er an “sein Internet” kommt. Wohl aber goutiert er Netzstabilität, Kundenservice und natürlich günstige Preise. Denn die Art des Übertragungsmediums sagt rein gar nichts über die Qualität des Gesamtnetzes aus.

Diese richtig zu ermitteln ist sehr schwierig, wie die Diskussion um die “Breitbandmessung” der Bundesnetzagentur zeigt. Man kann auch ein reines Glasfaser-Netz durch Flaschenhälse z.B. beim Peering zu einem Ärgernis für die Nutzer machen. Entscheidend ist nämlich nicht die Übertragungskapazität zwischen Nutzer und Einwahlpunkt des Netzbetreibers. Auch nicht die zwischen Nutzer und Mess-Server der Bundesnetzagentur. Entscheidend ist, wie gut “flutscht” es zwischen dem Nutzer und seinen bevorzugten Webdiensten. Deren Server stehen allzu oft nicht in Deutschland oder gar der EU, sondern in Übersee.

Vectoring-DSL ist im Übrigen mitnichten eine Spezialität einer bekannten großen Firma, welche hierfür gerne gescholten wird. Hier in Thüringen haben ganz andere Netzbetreiber ebenfalls auf VDSL und Vectoring gesetzt. Tatsächlich ist es hier so, dass im Windschatten des xDSL-Ausbaus auch FTTH voran getrieben wird. Selbst in Dörfern mit weniger als 1000 Einwohnern. Nämlich genau immer dann, wenn in diesen Orten sowieso Tiefbauarbeiten anstehen. Sei es weil neue Abwasserkanäle verlegt werden oder weil eine Straße oder Bürgersteig grundhaft saniert wird.

An dieser Stelle sind clevere Leute in den Kommunen gefragt. Bürgermeister, Stadt- oder Gemeinderäte, welche die Gelegenheit erkennen und das Gespräch mit den Netzbetreibern suchen. Leerrohre sind schnell und billig verlegt, wenn die Straße ohnehin einmal offen ist. Eine gerade erst frisch asphaltierte Straße nachträglich noch einmal aufzusägen, das wird niemand tun. Grundhafter Straßenbau wird über Anliegerbeiträge und Kostenteilung der verschiedenen Gewerke aus Sicht eines ausbauwilligen Netzbetreibers billiger. Dagegen gehen nachträgliche Straßenflicken zu 100% zu Lasten der Betreiber, was solche Bauvorhaben unattraktiv macht.

Ein Leerrohr ist übrigens auch technologieneutral. Mag heute vielleicht ein Glasfaserkabel das Medium der Wahl sein, so ist es übermorgen vielleicht ein Raumtemperatur-Supraleiter oder irgendeine Quanten-Leitung. Wer weiß das schon? Aus einem Leerrohr kann man bei Bedarf die veraltete Leitung heraus- und eine modernere einziehen.

Gerade weil Tiefbau einer der größten Kostentreiber beim Netzausbau ist, lohnt es sich durchaus darüber nachzudenken, moderne Leitungen jeglicher Art übergangsweise auch oberirdisch zu verlegen. Denn soll ein Dorf oder Gewerbegebiet erschlossen werden, doch Synergieeffekte durch andere Tiefbauarbeiten sind nicht zu erwarten, soll dann der Netzausbau für 20 Jahre zurück gestellt werden? Im Zweifel würden die meisten Anwohner und erst recht Gewerbetreibende lieber ein paar Masten am Straßenrand in Kauf nehmen als, wie einst in den OPAL-Gebieten im Osten, vom Forschritt abgeklemmt zu werden.

Langfristige Ziele einseitig an einem bestimmten Medium fest zu machen, halte ich für grundfalsch. Man stelle sich nur einmal vor, wir würden heute mit vielen Steuermilliarden den flächendeckenden Ausbau mit Glasfaserleitungen subventionieren. In 10 Jahren machen vielleicht Forschung und Entwicklung dem mobilen Internet der fünften oder sechsten Generation Gigabit-Beine. Falls dies dann auch in der Fläche und nicht nur in Ballungsgebieten verfügbar ist, wäre dann nicht schon heute der nächste dicke Punkt im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler absehbar?

In meinen Augen sollte sich der Staat aus konkreten Technologie-Vorgaben heraus halten. Es genügt völlig, gestaffelte Ziele beim Ausbau der Netzkapazitäten zu definieren. Den Rest regelt der Markt von ganz alleine. Schon gar nicht sollte man von der Technologieneutralität abweichen und einseitig ein bestimmtes Medium mit Steuergeldern fördern. Wohl aber sollte man seitens der Regulierer ein kritisches Auge auf den Ausbau im ländlichen Raum legen. Das wurde in der Vergangenheit etwas vernachlässigt.

Aus der Sicht unseres Vereins zum Beispiel könnte dies eine Freigabe weiterer Funkfrequenzen explizit für den ländlichen Raum sein, welche im städtischen Gebiet anderweitig genutzt werden können. Techniken für den konfliktfreien Betrieb gibt es schließlich und physikalisch bzw. geografisch lassen sich diese Anwendungen auch gut von einander abgrenzen. Den letzten Bauernhof auf der Alm wird man kaum per Glasfaser erreichen. Kalkulatorische Beispiele zu solchen Vorhaben finden sich im Netz. Das endet schnell bei ein paar Millionen Euro. Hingegen ist eine leistungsfähige Richtfunkverbindung mit 100 bis 200 MBit/s Kapazität schon für unter 1000 Euro zu haben. Diese wird noch viele Jahre für den einen Bauernhof völlig ausreichen.

Daher gebe ich Ernst Ahlers mit seinem Kommentar vollkommen Recht.
(Nico Lange) /


(kbe)