/Im Auto mit Kanzlerkandidat Martin Schulz “Merkel ist der Golf unter den Politikern”

Im Auto mit Kanzlerkandidat Martin Schulz “Merkel ist der Golf unter den Politikern”

— 08.09.2017

“Merkel ist der Golf unter den Politikern”

Was SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz über den Diesel denkt, was er mit Maut und KBA vorhat und welche Lieder er im Auto singt – AUTO BILD hat’s erfahren.

Als AUTO BILD Martin Schulz trifft, sieht er aus, als wäre er gerade mit seinem Traumauto, einer Ente, von Berlin hierher nach Lübeck gefahren: abgekämpft, müde. Dabei sitzt der SPD-Kanzlerkandidat kaum noch selbst hinterm Steuer seines Diesel-Volvos. Zwischen zwei gepanzerten Polizeiautos herrollen – das mache doch keinen Spaß. Aber über Autos und Verkehrspolitik reden mag Schulz (61) gern.

Im Zweifel rechts: Martin Schulz steigt bevorzugt auf der Beifahrerseite ein – seine Frau sei eine sehr gute Fahrerin. Links: Hauke Schrieber.

AUTO BILD: Bevor wir zum Wagen gehen ein kleines Quiz: Wir sind mit der Angela Merkel unter den Automodellen zu Ihnen gefahren. Raten Sie doch mal. Martin Schulz denkt fast eine Minute lang schweigend nach, sagt dann ganz leise, fast fragend: “Ein Golf.” Wie kommen Sie denn darauf? “Der ist dauerhaft, eher zurückhaltend, nicht glamourös und seit vielen Jahren kaum verändert.” Glückwunsch, der Kandidat hat 100 Punkte. Und welches Modell tritt bei der Wahl gegen diesen Merkel-Golf an? Wieder eine Pause. Dann: “Ich wäre so ein robustes Familienfahrzeug.” Bodenständigkeit. Die da oben, wir hier unten, das ist sein Thema. Und der Diesel, natürlich.

“Diesel werden weiter gebraucht”

Herr Schulz, kann man in diesem Jahr mit dem Thema Auto die Bundestagswahl gewinnen und verlieren? “Mit Ausnahme der Grünen sind sich alle Parteien einig, dass die Autoindustrie der Kern der deutschen Wirtschaft ist.” … und den deutschen Dieselfahrern gerade den Schlaf raubt. Hand aufs Herz: Würde sich der Privatmann Martin Schulz heute noch einen Diesel kaufen? Schulz fährt privat einen Volvo mit Dieselmotor. Er ist nicht so verrückt, das Ende des Diesels zu fordern. “Die klugen Manager sind jene, die den Diesel weiter optimieren lassen. Natürlich werden Diesel weiter gebraucht und produziert. Das ganze Gerede um Ausstiegsdaten geht an der Realität der Menschen vorbei. Als das Thema Fahrverbote hochkochte, hatte ich Handwerker bei mir im Haus. Die kamen alle mit Diesel-Transportern und kannten nur zwei Themen: Schulz, sorg dafür, dass VW die Umrüstung zahlt. Und wenn Fahrverbote kommen, kann ich meine Arbeit nicht mehr machen. Man muss sich in der Politik an den Bedürfnissen der Menschen orientieren.”

Fahrverbote vermeiden – auch mit E-Autos

Aus für den Verbrenner? So weit geht Martin Schulz nicht. Aber eine Quote für E-Autos befürwortet er.

Was soll ein zweiter Dieselgipfel im Herbst bringen? “Der Kanzlerin fehlt bei diesem Thema völlig das politische Navigationssystem. Mir ist wichtig, dass nicht am Ende die Pendler die Leidtragenden sind. Viele Menschen in Deutschland sind auf ihr Auto angewiesen und können nicht einfach auf Bus und Bahn umsteigen. Es geht um eine wirksame Vermeidung von Fahrverboten.” Sie wollen auch eine verbindliche Quote für Elektroautos. “Eben um Dieselfahrverbote zu verhindern. Wenn man einem Gericht sagt, es kommt eine bestimmte Zahl von E-Autos, ist das ein gutes Argument. Und die Kommunen müssen schnell Geld bekommen, um auf E-Mobilität umzusteigen, zum Beispiel beim ÖPNV. Aber eine flächendeckende E-Mobilität im Jahre 2030 – kann mir mal einer sagen, wie das gehen soll? Das sind 13 Jahre. Dafür gibt es gar nicht die Infrastruktur.”

Dobrindt und der “Maut-Murks”

Wann hatte Deutschland zuletzt einen fähigen Verkehrsminister? “Georg Leber (SPD, 1966–72; d. Red.) war der beste, den wir jemals hatten.” Kann es sein, dass das Bundesverkehrsministerium bei der Kabinettsbildung das allerletzte Amt ist? Eine Spielmasse bei Koalitionsverhandlungen? “Das Amt ist wichtig, weil es um mehr geht als das Auto und den Straßenverkehr. Dobrindt hat den unverzeihlichen Fehler gemacht, sich derart auf den Maut-Murks zu konzentrieren, dass alle Zukunftsthemen – siehe Diesel – darunter gelitten haben. Mit mir als Kanzler wird die Maut nicht eingeführt, weil sie sich nicht rechnet.”

Heikle Frage: Was darf Autofahren kosten?

Sie sagen immer: Autofahren muss bezahlbar bleiben. Wie viel vom Haushalts-Nettoeinkommen darf Autofahren insgesamt kosten? Schulz überlegt lange. Er will ehrlich antworten, das ist ihm wichtig. Dann nennt er eine Zahl. Sein Presseteam streicht die Antwort hinterher ersatzlos. Zu heikel. Ist der Begriff Auto-Kanzler heute ein Schimpfwort? “Nein, das war für mich noch nie ein Schimpfwort. Wenn die Manager über mich sagen: ‘Der Typ geht uns auf den Geist’ und die Arbeitnehmer: ‘Der setzt sich für uns ein’, dann habe ich was richtig gemacht.” Und wenn die Manager ihre Lobbyisten zu Ihnen schicken? “Interessen zu vertreten ist legitim. Aber wer versucht, mich unter Druck zu setzen, der hat schlechte Karten.”

“KBA sollte aufgespalten werden”

Geben Sie dem Kraftfahrt-Bundesamt doch mal bitte eine Schulnote. “Keine Schulnote. Eher: brav und folgsam.” Das sagt alles. “Eine Genehmigungsbehörde kann nicht gleichzeitig kontrollieren. Deshalb muss eine Aufspaltung her.” Ihr Vater war ein Bergmannssohn. Was bedeutet das für Ihre Einstellung zur Energiewende? “Das ist ein Jahrhundertprojekt. Wenn es Deutschland gelingt, trotz wachsendem Energiebedarf aus Atom und Kohle auszusteigen, dann ist der Beweis erbracht, dass man eine Industrienation sein kann und gleichzeitig die Klimaziele übererfüllt. Das wäre ein Modell für die ganze Welt. Deshalb bin ich absolut für die Energiewende.” Laut Statistik verursachen Senioren am Steuer überdurchschnittlich viele Unfälle. Verpflichtende Tauglichkeitstests kann ein Politiker, der eine Wahl gewinnen will, kaum ernsthaft fordern, oder?  “Ich halte das auch nicht für sinnvoll. Das wäre eine Form der Altersdiskriminierung und würde die Mobilität gerade auf dem Land massiv einschränken. Wenn jemand sich im Alter dazu entscheidet, nicht mehr Auto zu fahren, muss das freiwillig erfolgen.”

Opel Kadett Berlina als erstes Auto

Schulz’ erstes Automodell: ein Opel Kadett Berlina aus dem Jahr 1982 (Symbolbild).

Wenn Angela Merkel wie ein Golf ist – dann setzen wir uns doch mal in einen hinein und reden über den Menschen und Autofahrer Martin Schulz. Was ist Ihre früheste automobile Kindheitserinnerung? “Unser Nachbar wusch samstags immer seinen Volkswagen. Irgendwann fragte ich kleiner Junge ihn, ob ich, während er das Auto mit dem Schlauch abspritzt, im Wagen hinterm Lenkrad sitzen dürfe. Der leichte Ölgeruch und dieses Gefühl des Schutzes im Auto, das werde ich nie vergessen.” Ihr erstes Auto? “Ein Opel Kadett Berlina, den ich 1982 über Kredit finanzierte. Hat mich durch halb Europa gefahren.” Als Jugendlicher getrampt? “Klar, Daumen raus und über die Grenze nach Lüttich oder weiter bis nach Paris.” Was für ein Autofahrer sind Sie? “Sehr passiv und vorsichtig. Ich schimpfe nicht am Steuer und bin lieber Beifahrer. Ich habe erst mit 24 den Führerschein gemacht. Es ist für meinen Lebensweg ganz gut gewesen, dass ich damals keinen Führerschein hatte.” Worauf Schulz anspielt: Er war nach eigener Aussage im Alter von 19 bis 24 Alkoholiker, hörte dann von einem Tag auf den anderen auf und hat seitdem keinen Tropfen mehr angerührt.

Gemischte Gefühle bei autonomer Technik

Bei der Bundestagswahl möchte Schulz den “Merkel-Golf” stilllegen lassen.

Welche Lieder haben Sie zuletzt im Auto gesungen? “Ich singe Chansons und dichte sie schon mal um.” Würden Sie sich bei Tempo 160 am Steuer umdrehen, mit Ihrer Familie Skat spielen und das Auto allein fahren lassen? “Ich bin mit einem selbstfahrenden Auto gefahren, aber nur mit 140 km/h. Und dabei kam ich auf einer Autobahn in eine brenzlige Situation, die kein Mensch beherrscht hätte. Ich hatte mich monatelang dagegen gewehrt, in so einem Ding zu fahren. Jetzt bin ich sehr beeindruckt von dieser Technik. Aber mich umdrehen und Skat spielen würde ich trotzdem nicht.” Haben Sie einen Traumwagen? “Eine Ente mit Revolverschaltung.” Zu welchem Traumziel damit? “Durch Patagonien in Argentinien.” Als gelernter Buchhändler: Was ist das beste Buch über Autos? “‘Früchte des Zorns’ von John Steinbeck. Ein Lieferwagen als Zufluchtsort einer ganzen Familie.” Als Kind Autoquartett gespielt? “Ja. Und ich hab immer geguckt, dass ich eine Karte mit einem Aston Martin bekam.” Kennen Sie einen Autowitz? “Ein Lord fragt seinen Chauffeur: Wie schnell fahren wir? Der antwortet: vier km/h, Eure Lordschaft. Da sagt der Lord: Man fahre fünf, ich will dem Tod ins Auge schauen.” Schulz lacht nicht; er ahnt, wie gut der Witz ist. Dann steigt Martin Schulz um in seine Dienst-S-Klasse. Noch drei Wochen Wahlkampf. Dann will Schulz den “Merkel-Golf” im Kanzleramt stilllegen lassen. Kein Witz.