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Gamescom: Chernobyl VR: Bewegende Dokumentation aus der radioaktiven Todeszone


Gamescom

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Chernobyl VR: Bewegende Dokumentation aus der radioaktiven Todeszone


Hartmut Gieselmann

(Bild: The Farm 51)

Die polnischen Entwickler von Team 51 haben die Umgebung des noch immer strahlenden Reaktors per Photogrammetrie aufwendig digitalisiert. Die beeindruckende VR-Dokumentation interviewt auch Zeitzeugen der Reaktorkatastrophe und deckt KGB-Akten auf.

Auf der Gamescom werden nicht nur Spiele gezeigt, sondern auch Projekte jenseits der Unterhaltungsindustrie. Die mit Abstand beeindruckendste Dokumentation gelang den polnischen Entwicklern von The Farm 51 mit “Chernobyl VR”. Zwei Jahre lang besuchten sie die Todeszone rund um den Reaktor und erstellten mit tausenden hochauflösenden Fotos fotorealistische 3D-Modelle mittels Photogrammetrie. Es ist ein einzigartiges Zeitdokument, das jedem die langfristigen Auswirkungen des atomaren GAUs vor Augen führt.

Die Gebäude zeigen den Verfall gut 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe. Unter der VR-Brille kann man rund ein Dutzend Orte besuchen und sich in den meisten von ihnen mit Teleportsprüngen frei bewegen. Man entdeckt selbst kleinste Details: Zerfetzte Tapeten, ramponierte Möbel oder eilige zurückgelassene Kleidungsstücke – alles wurde penibel dreidimensional rekonstruiert. Da die Aufnahmen im Unterschied zu einem Spiel die Realität abbilden, ist man von der Eindringlichkeit der Bilder in den verlassenen Gebäuden geradezu geschockt.



The Farm 51

Bei den virtuellen Begehungen kann man einen Geigerzähler einblenden, der die noch immer hohe radioaktive Strahlung vor Ort anzeigt.

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Bild: The Farm 51


Alexievich und Klitschko im Interview

Dazu gibt es hochauflösende 360-Grad-Videos, die mit einem eigens gebauten 4K-Kamera-Rig erzeugt wurden. Sie zeigen wesentlich schärfere Aufnahmen als die Filmchen, die man üblicherweise auf Youtube sieht. Interviewt werden unter anderem Bewohner, die Nobelpreisträgerin Svetlana Alexievich sowie der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko. Aufnahmen von fliegenden Drohnen musste das Studio aus der VR-Simulation jedoch wieder entfernen, da einigen Anwendern beim Ansehen übel werden könnte.

Noch immer leben Bewohner vor Ort, allerdings müssen sie sich bei den Nahrungsmitteln stark einschränken. In einem Interview erzählt ein Rentner auf einem verfallenen Bauernhof, dass er nur alle zwei Wochen frisches Brot bekommt. Team 51 hat für die Doku zudem alte KGB-Akten gesichtet, die bisher geheim gehalten wurden. Sie sollen zeigen, wieviel die Regierung damals wusste und die Bevölkerung absichtlich im Unklaren ließ. Der Sarkophag, der über dem havarierten Block gebaut wurde, ist ebenfalls zu sehen.

In desem kurzen Making-of erläutern die Entwickler, wie sie die schwierigen Aufnahmen vor Ort gemacht haben.

Technische Meisterleistung unter schwierigsten Bedingungen

The Farm 51 hat die Dokumentation aus eigenen Mitteln finanziert und sich bewußt für eine nüchterne Darstellung und gegen ein Spiel entschieden – auch wenn dies eventuell kommerziell ertragreicher geworden wäre.

Gegenüber der bereits erhältlichen “Early Access”-Version auf Steam hat sich die Auflösung der Filme vervierfacht. Auch die Navigation in den Innenräumen wurde deutlich ausgebaut, sodass man nun ganze Stockwerke durchstöbern kann. Verglichen mit anderen “VR-Experiences”, die wir bislang gesehen haben, ist “Chernobyl VR” ein Meilenstein. Ausprobieren konnten wir die stark verbesserte Version für die PSVR. Wenn diese im Herbst für die PS4 veröffentlicht wird, sollen auch die “Early Access”-Fassungen von HTC Vive und Oculus Rift per Update überarbeitet werden.


(hag)