/G20-Krawalle: Linke und Polizei beklagen “Online-Hetzjagd” wegen privater Internet-Fahndung

G20-Krawalle: Linke und Polizei beklagen “Online-Hetzjagd” wegen privater Internet-Fahndung

G20-Krawalle: Linke und Polizei beklagen “Online-Hetzjagd” wegen privater Internet-Fahndung


Stefan Krempl


(Bild: DPolG Königsbrunn auf Facebook)

Die Polizei Hamburg hat nach den Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel ein Hinweisportal eingerichtet, über das Bildmaterial von Straftaten hochgeladen werden kann. In einem Fall geht aber auch ihr eine “Internet-Fahndung” zu weit.

Die Empörung über Fotos und Videos von schwarz-gekleideten Vermummten, die in Hamburg nach der “Welcome-to-Hell”-Demonstration am Freitag gegen den G20-Gipfel Autos abfackeln, Supermärkte plündern und Gegenstände auf Ordnungshüter werfen, führt bei der seitdem laufenden “Internet-Fahndung” zu unbedachten Reaktionen und Pannen. Die Polizei Hamburg hat nach den Ausschreitungen zusammen mit dem Bundeskriminalamt (BKA) die Webseite hh.hinweisportal.de freigeschaltet, über die eigene, noch nicht veröffentlichte Fotos und Videos von Straftaten rund um die Krawalle anonym oder namentlich gekennzeichnet hochgeladen werden können.

Mehr als tausend Einsendungen

Die Ermittler freuten sich kurz darauf, dass binnen weniger Stunden mehr als 1000 Bilddateien eingegangen seien. Das Material werde derzeit mit Hochdruck gesichtet und katalogisiert, YouTube und vergleichbare Online-Quellen parallel ebenfalls ausgewertet. Die linke Szene protestierte daraufhin gegen das Portal: “Durch ihren Aufruf zu Denunziation und Verrat provozierte die Polizei eine private ‘Online-Hetzjagd’, von der sie sich anschließend scheinheilig distanzierte”.

Grund für die Reaktion war vor allem, dass die von Nutzern auch in Eigenregie gestartete “Internet-Fahndung” zu diesem Zeitpunkt bereits vielfach ins Kraut schoss und hohe Wellen schlug. Ein Auslöser war insbesondere eine Meldung auf “bild.de” mit dem Titel: “Randalierer wirft Polizist Böller ins Gesicht – verliert er sein Augenlicht?”, wie “Faktenfinder” der Tagesschau herausgearbeitet haben. Unter einem großformatigen Foto mit einem Mann mit unverpixeltem Gesicht vor einer Schar von Gesetzeshütern in Einsatzausrüstung war demnach zu lesen: “Ein Chaot wirft einem Polizisten einen Böller direkt ins Gesicht, kann danach fliehen. Nach Bild-Informationen könnte der Beamte sein Augenlicht verlieren”.

Die Meldung verbreitet sich rasant in sozialen Netzwerken, wobei das Foto des Demonstranten als vermeintlichem Hauptakteur und Übeltäter noch vergrößert wird. Gerade auf rechtsgerichteten Facebook-Gruppen werden Appelle mit dem Hinweis vielfach geliked: “Das ist der ‘Demonstrant’, der mit einem Böller einem Polizisten fast das Augenlicht nahm. Findet ihn! Bitte teilen.” Aber auch die Deutsche Polizei-Gewerkschaft (DPolG) Königsbrunn publizierte das Foto aus Hamburg in dem sozialen Netzwerk.

Knalltrauma statt Augenverletzung

Die Hamburger Polizei machte auf Twitter noch am Samstag mehrfach deutlich, dass der betroffene Kollege entgegen früher Angaben “keine bleibenden Augenverletzungen”, dafür aber ein Knalltrauma erlitten habe. “Wichtig!” hieß es dort auch: Der gezeigte Mann sei nicht tatverdächtig. “Bitte Internet-Fahndung nach ihm beenden!” Auf Facebook und Twitter war der Zug aber schon abgefahren, die Falschmeldungen nahmen weiter ihren Lauf. Die Aktion sei durch die Ermittler nicht initiiert worden, legte das Social-Media-Team der Ermittler der Hansestadt deswegen nach. Es greife trotzdem ein, um “einen Unschuldigen vor einer ‘Online-Hetzjagd’ zu schützen”.

“bild.de” hat ihren Ursprungsartikel inzwischen mehrfach überarbeitet, die Rede ist nun von einem Böllerwurf in den Nacken und “roher Gewalt gegen Beamte”. Es habe “Entwarnung” gegeben, der Täter sei auf dem mittlerweile verpixelten Foto auch “nicht zu sehen”. Der DPolG-Ortsverein und andere Akteure auf sozialen Medien sahen sich ebenfalls zu Klarstellungen genötigt. Sie wollen aber “erkannte Täter” weiter veröffentlichten, heißt es in einer der beteiligten Gruppen. Das habe “nichts mit Selbstjustiz zu tun, sondern mit Gerechtigkeit”. Die Korrekturen der Falschdarstellungen finden bislang deutlich weniger Beachtung als die ursprünglichen “Fahndungsbeiträge”.


(anw)