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Formel 1: Ross Brawn exklusiv Brawns neuer Kommandostand

— 27.09.2017

Brawns neuer Kommandostand

Formel-1-Sportchef Ross Brawn schaut die Rennen der Königsklasse in der TV-Kommandozentrale. ABMS traf den Briten in seinem Revier. 

Das Regiezentrum der Formel 1. Zu Zeiten von Bernie Ecclestone war das absolute Tabuzone. Unter dem neuen Sportchef Ross Brawn (62) ist alles anders. Er schaut im TV-Center nicht nur Qualifyings und Rennen. Er hat AUTO BILD MOTORSPORT und SPORT BILD sogar eingeladen, mit ihm Zeittraining und Start zum GP Singapur zu schauen. Wir sind die ersten Journalisten in der Mega-Regie der Formel 1! Alle Infos zum TV-Center finden Sie in der Bildergalerie.

Das Rennen ist keine zehn Sekunden alt, da überschlagen sich die Stimmen in den Kopfhörern. Ferra­ri-­Pilot Sebastian Vettel (30) ist gerade mit seinem Teamkollegen Kimi Räikkönen und Red-Bull-Youngster Max Verstappen (19) kollidiert. Es herrscht Hektik im Regieraum der Königsklasse. Für die Formel-1-Fans weltweit hat die Titanic den Eisberg gerammt. Nur einer bleibt ruhig. Brawn sitzt immer noch stoisch mit verschränkten Armen vor seinem Bildschirm und analysiert ruhig und lächelnd die Situation, indem er nur den Kopf zu uns nach rechts dreht: „So etwas kann immer passieren. Ein typischer Startunfall. Schade, es hätte ein Super-Rennen werden können.“

Unsere ABMS Reporter Ralf Bach und Bianca Garloff mit F1 Sportchef Ross Brawn

So aber führt Hamilton – und wird später auch gewinnen. Brawn bekommt das nicht mehr mit. Eine Viertelstunde später verabschiedet sich der Mann, der als Technischer Direktor bei Ferrari Michael Schumacher zu fünf WM-Titeln verhalf. Der mit seinem eigenen Team 2009 die WM gewann. Der von 2010 bis Ende 2013 Mercedes-Teamchef war und die drei WM-Titel der Silberpfeile vorbereitete. „Ich muss zum Flughafen, leider“, sagt er. „Als Teamchef wäre das nicht möglich gewesen. Aber in meinem neuen Job muss ich Kompromisse eingehen und ein Rennen auch mal vor Ende verlassen.“
Eine Prognose gibt er dennoch ab. „Die WM ist noch längst nicht vorbei. Es sind noch sechs Rennen zu fahren. Vettel und Ferrari sind so stark, dass sie immer noch aus eigener Kraft die WM gewinnen können.“ Trotz eines Rückstands von 28 Punkten.

Vorher haben wir mit Brawn über die Saison 2017 gesprochen. Das Interview:

Herr Brawn, wir sitzen hier im Regiezen­trum der Formel 1, Ihrem neuen Kommandostand. Was ist komplizierter: die gesamte F1-Welt im Blick zu behalten oder am Kommandostand einen GP zu dirigieren?

Ross Brawn: Am Kommandostand war es für mich mit mehr Stress verbunden. Aber auch das hier ist ein ziemlich komplizierter Job. Unsere Regisseure müssen immer auf der Höhe des Geschehens sein.

Sind Sie an Ihrem neuen Kommandostand relaxter als an Ihrem alten?

Natürlich. Ich sitze hier ja auch als Formel-1-Enthusiast. Aber ich versuche mich auch einzubringen. Wenn mir zum Beispiel auffällt, dass sich eine bestimmte Rennstrategie entwickelt, weise ich den Regisseur darauf hin.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem ersten Jahr als Formel-1-Sportchef?

Nicht einfach bei insgesamt 415 Monitoren den Überblick zu bewahren

Sehr zufrieden. An der Spitze kämpfen drei Teams um den Sieg. Natürlich erinnere ich mich gern an meine Ferrari-Zeit mit Schumi zurück. Aber Dominanzen sind immer schlecht für den Sport. Wir haben jetzt echten Wettbewerb. Lewis gegen Sebastian, das lockt die Fans wieder an. Wir hatten bei einigen Rennen schon eine Rekordkulisse. Und wenn unsere Webseite im nächsten Jahr noch mehr Inhalte bereitstellt, werden wir das Ganze noch einmal auf ein höheres Level heben. Wichtig bleibt aber, dass der Sport gut ist. Zu viel Sahne auf einem guten Kuchen schadet nur.

Kann Ferrari Mercedes ernsthaft fordern?

Ja! Hut ab, Ferrari macht einen tollen Job. Und es ist unausweichlich, dass es mich an meine Zeit in Rot mit einem anderen deutschen Fahrer erinnert. Sebastian ähnelt Michael in seiner Art sich hinter das Team zu stellen und als Teil des Ganzen zu sehen. Ich erkenne dieselbe Disziplin und denselben Fokus.

Kann Vettel erster Weltmeister in Rot seit Kimi Räikkönen werden?

Ja! Mercedes hat gerade einen Lauf und macht einen super Job, aber die WM ist noch nicht entschieden. Ferrari kann weiter aus eigener Kraft Weltmeister werden. Und Vettel ist ein Kämpfer, der nie aufgibt. Wenn er es noch schafft, dann mehr als verdient.

Wie schaffen Sie es objektiv zu bleiben?

Ich habe das Glück, für verschiedene Teams gearbeitet zu haben. Ferrari, Mercedes, Benetton (heute Renault; d. Red.). Interessant ist auch: James Allison (heute Mercedes-Technikchef; d. Red.) war bei Ferrari mein Aerodynamikspezialist an der Strecke, Mattia (Binotto, Ferrari-Technikchef; d. Red.) schon damals ein entscheidender Motoreningenieur. Bei beiden konnte man damals schon sehen, dass sie fachlich und mental stark sind.

Sie haben Lewis Hamilton zu Mercedes gebracht …

… deshalb stimmen mich seine Leistungen im Silberpfeil auch zufrieden. Sie zeigen, dass die Entscheidung damals die richtige war. Ich glaube im Übrigen auch, dass er gut mit dem Team zusammenarbeitet.

Und sein Rockstar-Image?

Das ist natürlich auch gut für die Formel 1. Wir wollen Fahrer wie ihn auch dabei unterstützen, ihr Profil noch weiter zu schärfen. Andere Fahrer wie Sebastian bevorzugen ein ruhiges Leben. Auch das ist ok für uns. Sebastian ist eben unser Rockstar auf der Rennstrecke – wie in Singapur (grinst).

Trotz all der Euphorie, was müssen Sie noch ändern, um die Formel 1 weiterhin attraktiver zu machen?

Wir brauchen definitiv mehr Autos, die siegfähig sind, ein noch engeres Feld, mehr unterschiedliche Strecken. Der Motor macht immer noch einen zu großen Unterschied. Kurzfristig können wir da nicht viel machen. Langfristig werden wir den Antrieb vereinfachen und damit seinen Einfluss auf die Performance des Gesamtpakets verringern.  Eine Budgetobergrenze würde ebenfalls helfen.

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach


Fotos:
Hersteller / Picture-Alliance / Jerry Andre / B. Garloff