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Formel 1: Regen-Chaos in Monza Hamilton düpiert die Konkurrenz

— 02.09.2017

Hamilton düpiert die Konkurrenz

Nach zweieinhalb Stunden Wartezeit holt sich Lewis Hamilton im Regen von Monza den Pole-Rekord. Hinter dem Briten gibt es viele Überraschungen.

Die Mercedes-Piloten zockten in einem Hinterzimmer der Box Playstation, Daniel Riciardo versuchte sich in der Boxengasse als Kameramann und Felipe Massa spielte mit seinen Mechanikern Fußball: Zweieinhalb Stunden lang verschob die Rennleitung wegen starker Regenfälle in Monza die Fortsetzung des Qualifying um jeweils 15 Minuten – dann hatte das Warten für die Fahrer, Teams und vor allem Fans auf den nassen Tribünen endlich ein Ende: Um 16:40 Uhr wurde das Qualifying fortgesetzt.

Hamilton glaubt’s kaum: Er hat den Rekord-Pole

Eine Stunde später stand fest: Lewis Hamilton ist ab sofort der Pilot mit den meisten Pole-Positions in der Formel 1! Nur eine Woche nach dem Einstellen der bisherigen Rekordmarke von Michael Schumacher mit 68 Pole, holte Hamilton am Samstag Nummer 69 – und wie: Im Regen von Monza war er 1,1 Sekunden schneller als die versammelte Weltelite!

Zweiter hinter Hamilton wurde Max Verstappen, Dritter Teamkollege Daniel Ricciardo. Der Lohn für die gute Arbeit bleibt Red Bull jedoch verwehrt. Wegen des Wechsels diverser Motorteile müssen beide Fahrer ans Ende des Feldes.

Die Red Bulls waren stark, müssen aber nach hinten

Die große Überraschung: Lance Stroll, der im Williams sensationell auf Rang vier fuhr, startet wegen der Strafen gegen Red Bull neben Hamilton aus Reihe eins! Hinter ihm der nächste Youngster: Esteban Ocon im Force India. Hamilton-Teamkollege Valtteri Bottas musste sich mit P6 in Q3 begnügen, rückt aber immerhin auf die vierte Position auf.

Ein denkbar schwaches Resultat erzielte Ferrari beim Heimspiel. Sebastian Vettel und KImi Räikkönen kamen mit den schwierigen Bedingungen in Monza nicht so gut zurecht. Vettel qualifizierte sich noch hinter Räikkönen nur als Achter, beide Ferraris rücken wegen der Red-Bull-Strafen aber ebenso auf.

Losgegangen war das Qualifying am Samstag mit einem Knall und anschließend einer langen Pause. Schon kurze Zeit nach der ursprünglichen Freigabe um 14 Uhr funkten mehrere Fahrer, dass die Bedingungen bei starkem Regen zu schwierig seien. Unter ihnen auch Romain Grosjean. Kurze Zeit später hing der Franzose auch schon in der Wand. Und schimpfte am Funk: “Ich habe doch gesagt, dass es zu gefährlich ist! Es war dämlich, das Quali überhaupt zu starten. Einfach bescheuert!”
 

Grosjeans beschädigter Haas-Bolide wird verladen

Wenig später machte Grosjean, nach dessen Unfall Q1 mit noch 13 Minuten auf der Uhr unterbrochen wurde, seinem Frust auch im Gespräch mit TV-Reportern Luft. “Du siehst nichts da draußen, vielleicht 25 Meter weit. Das nächste was ich gesehen habe ist, dass ich bei 300 in der Wand hänge”, ärgerte sich der Haas-Pilot. “Ich habe mich schon auf der Out-Lap beschwert, weil einfach viel zu viel Wasser auf der Strecke stand. Man kann nicht langsamer fahren oder einfach vom Gas gehen, weil der Fahrer hinten einem nichts sieht. Und Gas geben kann man auch nicht, weil man sonst das Auto verliert. Wir hätten einfach gar nicht fahren sollen!”
 
Renndirektor Charlie Whiting reagierte mit Verständnis auf Grosjeans Kritik. “Nachdem wir entschieden haben, dass wir es angehen, sind die Bedingungen leider kurze Zeit später wieder schlechter geworden”, rechtfertigte sich Whiting. “Ich kann nachvollziehen, warum Grosjean das sagt. Aber leider passiert so etwas von Zeit zu Zeit, wenn ein Fahrer bei diesem Wetter zu hart pusht.”
 
Was in Monza dieses Wochenende zusätzlich hinzukommt: Auf der Start-Ziel-Gerade wurde kürzlich neuer Asphalt verlegt. Laut Reifenhersteller Pirelli ist in diesem Segment deshalb nur halb so viel Grip wie auf dem Rest der Strecke.

So lief das Abschlusstraining:

Über 40 Minuten lang ging in Monza gar nichts. Nach heftigen Regenfällen in der Region um Mailand stand am Samstagvormittag zu viel Wasser auf der Straße, die Rennleitung gab das Abschlusstraining wegen der Streckenbedingung nicht frei. Etwas mehr als eine Viertelstunde vor Ablauf der Zeit, ging die Ampel dann doch noch auf grün.

Insgesamt drehten bei den rutschigen Bedingungen aber nur sieben Fahrer eine gezeitete Runde, die Rundenzeiten waren entsprechend wenig aussagekräftig. Die Bestzeit ging an Williams-Mann Felipe Massa vor Teamkollege Lance Stroll. Die WM-Favoriten Sebastian Vettel und Lewis Hamilton gingen auf den nassen Waldgeraden indes kein Risiko ein.

Zwei Stunden vor dem Qualifying wäre die Gefahr eines Abflugs zu groß, die Zeit für Reparaturen zu kurz. Nicht nur dem Top-Duo droht damit eine Reise ins Blaue, wenn es ab 14 Uhr um die Startpositionen geht. Der Regen soll zwar aufhören, ob die Strecke bis zum Qualifying allerdings abgetrocknet ist, bleibt fraglich.

So lief der Freitag

Hoffnung für die Tifosi im Königlichen Park von Monza: Sebastian Vettel hat sich in der zweiten Trainingssession zum Ferrari-Heimspiel nur knapp dem Mercedes-Duo Lewis Hamilton und Valtteri Bottas geschlagen geben müssen. War am Vormittag noch Hamilton Schnellster, brannte am Nachmittag Teamkollege Bottas die Tagesbestzeit in den Asphalt. Vettel fehlten auf diese nur 0,140 Sekunden – in der ersten Session des Tages lag der Heppenheimer noch eine satte Sekunde hinter den Silberpfeilen.

Sebastian Vettel machte am Nachmittag Boden gut

Ferraris Fans dürfen also weiter von Vettels erstem Sieg mit der Scuderia in Monza träumen. “Ich denke, man darf hoffen. Hoffnung gibt es sowieso immer, aber wir haben hier nichts, wovor wir Angst haben müssten”, erklärte Vettel. Auch nicht vor Lewis Hamilton, der bereits am Donnerstag mit seiner Knallhart-Ansage, er wolle Vettels Lachen verschwinden lassen, für Aufsehen sorgte. “Egal was passiert, das wird ihm nicht gelingen”, sagte Vettel am Freitag – und grinste dabei: “Heute war kein ganz so guter Tag. Und wir sind trotzdem noch am lachen”, so Vettel.

“Wir haben einen guten Lauf und Spaß an der Arbeit”, erklärte der Heppenheimer seine gute Laune. Allein: Von eben dieser Arbeit “gibt es noch viel”, räumte Vettel ein. “Es war ein bisschen durchwachsen heute, zum Schluss war viel Verkehr auf der Strecke, deshalb war die Pace nicht ideal auszumachen”, resümierte der Monza-Sieger der Jahre 2008, 2011 und 2013. “Wir sind noch nicht da, wo wir sein können. In Monza ist es wichtig, dass man Vertrauen ins Auto hat, gerade auf der Bremse. Da können wir uns noch steigern, dass wir leichter ans Limit gehen können.”

“Der Rest sieht aber schon ganz gut aus, in den Kurven kommen wir gut zurecht”, versicherte Vettel, ohne jedoch zu vergessen: “Natürlich ist Mercedes auf dem Papier sehr stark hier, deswegen sind sie auch auf der Favorit. Aber wir tun alles, was in unserer Macht steht. Und wir haben hier eine Menge Rückenwind von den Tribünen, alle Leute sind hinter uns.”

Lewis Hamilton und Mercedes sehen in Monza gut aus

Zumindest vor mangelnder Unterstützung hat Vettel-Rivale Hamilton aber keine Angst. “Früher”, erklärte der 32-jährige Brite, sei er in Monza eher so begrüßt worden, als wäre er “in den Hinterhof des Feindes eingebrochen.” Mittlerweile aber “erfahre ich hier sehr viel Unterstützung. Das ist bestimmt schon seit fünf Jahren so”, verriet Hamilton. Auch der WM-Verfolger war nach den ersten Kilometern am Freitag guter Dinge. “Es war ein guter, runder Tag. Wir hatten keine Probleme”, so Hamilton, der glaubt: “Trotzdem scheint es wieder eng zwischen uns und Ferrari zuzugehen. Ich erwarte, dass es ähnlich aussieht wie beim letzten Rennen.”

Mit einem Unterschied: Teamkollege Valtteri Bottas hat seine Form in Monza wiedergefunden – und könnte für Hamilton damit zu einem wichtigen Helfer avancieren. “Ich habe ein besseres Gefühl als am Freitag in Spa. Heute haben wir auf dem richtigen Fuß losgelegt”, bestätigte Bottas. Dass er schon in Italien für Hamilton fahren muss, glaubt der Finne indes nicht. Auf die Frage eines Reporters, ob er den Sieg holen dürfe, wenn die Reihung auch im Rennen so lautet wie im Training – nämlich Bottas vor Hamilton und Vettel – antwortere er mit: “Ja, davon gehe ich aus.”

So lief das erste Training:

Dominante Vorstellung von Mercedes im ersten Training zum Italien GP in Monza. Spa-Sieger Lewis Hamilton drehte nur fünf Tage nach seinem Erfolg in Belgien mit einer Zeit von 1:21.537 Sekunden die schnellste Runde, 0,435 Sekunden vor Teamkollege Valtteri Bottas im zweiten Silberpfeil.

Ferrari musste sich beim Auftakt zum Heimspiel mit den Plätzen drei und vier begnügen. Sebastian Vettel war dabei 37 Tausendstel schneller als Stallgefährte Kimi Räikkönen – allerdings 1,115 Sekunden langsamer als WM-Rivale Hamilton. Der Hochgeschwindigkeitskurs im Königlichen Park kommt der Power von Mercedes’ Motor stark entgegen – Ferraris verbesserte Form auf schnellen Strecken war zumindest am Freitag noch nicht genug.

Fünfter im ersten Training, das für Monza-Verhältnisse bei relativ kühlen Temperaturen über die Bühne ging und immer wieder auch von leichten Regenschauern getroffen wurde, war Daniel Ricciardo vor Teamkollege Max Verstappen. Beide Red-Bull-Piloten werden in Monza allerdings vom Ende des Feldes starten, weil diverse Motorenteile an ihren Autos ausgetauscht werden.

Nicht gut lief die erste Session für die beiden übrigen Deutschen im Feld: Nico Hülkenberg schaffte es im Renault nur auf den 17. Platz, Sauber-Pilot Pascal Wehrlein wurde 19. und Vorletzter.


Autor: Frederik Hackbarth


Fotos:
Picture-Alliance / Getty Images