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Formel 1: Max Verstappen im Interview “Man muss auch mal Arschloch sein”

— 20.08.2017

“Man muss auch mal Arschloch sein”

Max Verstappens Ruf als knallharter Racer eilt ihm voraus: Doch wie sieht er selbst sein Image und wie steht’s um seine Zukunft? Verstappen im Interview.

Herr Verstappen, Ihre Zweikämpfe mit Sebastian Vettel begeistern die Fans – zum Beispiel der in Silverstone vor ein paar Wochen …

Max Verstappen (19): … bei dem Sebastian in der Hitze unseres Gefechts zwar wieder gemotzt hat, aber das kennt man ja. Mir ist das egal. Ich erwarte weder, dass er mir eine Weihnachtskarte schickt, noch, dass er mich zu seiner nächsten Geburtstagsparty einlädt.

Im Moment wird in der Formel 1 viel über die Grenzen des harten Fahrens debattiert – auch nach Vettels Rammstoß gegen Lewis Hamilton kürzlich in Baku. Ihre kompromisslose Fahrweise hat Ihnen schon früh in Ihrer Karrie­re den Spitznamen “Mad Max” (durchgeknallter Max) eingebracht. Hat Sie dies geärgert?

Verstappen ist für seine harte Fahrweise bekannt

Nicht die Bohne. Sie können mich nennen, wie sie wollen: Verrückter Max, Weichei-Max oder wie auch immer. Es geht völlig an mir vorbei. Auf der Strecke muss man auch mal ein Arschloch sein können. Schauen Sie sich an, wie Michael Schumacher gefahren ist! Am Ende des Tages muss ein Formel-1-Fahrer wissen, wie er Rennen und Titel gewinnt. Er sollte sich wirklich nicht überlegen, wie er als netter Kerl in die Geschichte eingeht. Aber auch nicht als unfairer Zeitgenosse.

Wie meinen Sie das?

Man muss beim harten Fahren unterscheiden: Verteidigt man mit allen Mitteln seine Position, dann ist das korrekt. Fährt man einem ins Auto, dann nicht. Das Gleiche gilt beim Überholen. Ich jedenfalls bin in meiner Formel-1-Karriere noch nicht bewusst in einen anderen hineingefahren.

Sie bereuen also nichts?

Absolut nicht. Wenn überhaupt, dann eher Dinge, die ich während meiner Kartzeit gemacht habe oder auch in der Formel 3.

Sie gelten als das größte Fahrtalent seit dem legendären Ayr­ton Senna. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Sowohl bei Ihnen als auch bei anderen Teams. Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz hat jetzt klargemacht, dass er noch einen Wunsch hat: Er will Sie zum jüngsten Formel-1-Weltmeister aller Zeiten machen. Das heißt aber auch, dass er Sie auf keinen Fall gehen lassen will, bevor der Vertrag Ende 2019 ausgelaufen ist. Noch nicht einmal für 100 Millionen Euro Ablösesumme.

Alles Oranje: Verstappen ist in Holland ein Superstar

(Verstappen schmunzelt) Das heißt, ich bin teurer als fast jeder Fußballspieler. Cool! Das macht mich stolz, so was zu hören. Aber es zeigt ja, wie sehr Herr Mateschitz an mich glaubt. Ich glaube ja auch an die Stärke von Red Bull. Wir sind auf dem richtigen Weg. Das Auto wird ständig besser, der Motor von Renault auch. Noch reicht es nicht, aus eigener Kraft zu gewinnen, aber am Ende des Jahres sind wir so weit, davon bin ich überzeugt. Und dann müssen wir weitersehen.

Kann man mit 19 geduldig sein?

Das habe ich gelernt. Auch wenn es nicht einfach ist, immer wieder auszufallen, wie es mir in der ersten Saisonhälfte passiert ist. Aber es war ja nicht meine Schuld. So was kommt im Motorsport schon mal vor. Was ich lernen musste: mit der Enttäuschung direkt nach einem Ausfall umzugehen. Beispiel Baku: Dort war der Sieg von Daniel Ricciardo am Ende gut für das Team. Ich musste akzeptieren, dass ich an dem technischen Problem meines Autos nichts ändern konnte. Obwohl ich bei meinem Ausscheiden vor ihm lag. Kurz nach dem Ausfall steht man aber noch voll unter Adrenalin. Deshalb beschloss ich, erst mal in mein Hotelzimmer zu verschwinden und nichts zu sagen, was ich am nächsten Morgen bereuen könnte. Man muss sich aufs Fahren konzentrieren und sich nicht von energieverschwendenden Emotionen ablenken lassen.

Wir müssen trotzdem jetzt auf Ferrari kommen: Die Gerüchteküche kocht immer heißer, dass Sie bald in Maranello landen könnten. Wir standen selbst daneben, als Ferrari-Präsident Sergio Marchionne bei Ihrem Sieg in Spanien vergangenes Jahr zu Helmut Marko ging und wörtlich zu ihm sagte: „Du hast einen fantastischen Jungen.“ Das Funkeln der Begierde war in seinen Augen zu sehen.

Ricciardo schätzt Verstappen stärker ein als Vettel

(Verstappens Wangen röten sich leicht): Ich weiß, dass Ferrari eine große Geschichte in der Formel 1 hat. Wie Mercedes übrigens auch. Ganz ehrlich. Ich will im bestmöglichen Auto sitzen. Da spielt die Farbe keine Rolle.

Übt nicht wenigstens Sebastian Vettel als möglicher Teamkollege einen gewissen Reiz aus.

Nein, überhaupt nicht. Daniel Ricciardo ist für mich die größere Herausforderung als Vettel. Als die beiden 2014 im gleichen Team fuhren, war Daniel stärker. Obwohl wir jetzt schon über ein Jahr Teamkollegen sind, gab es noch keinen bösen Moment. Wir treiben uns in einer positiven Weise an, und das wird auch so bleiben.

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach