/Formel 1: Legendäres Monza Schicksalsstrecke der Deutschen

Formel 1: Legendäres Monza Schicksalsstrecke der Deutschen

— 02.09.2017

Schicksalsstrecke der Deutschen

Vor 56 Jahren verunglückte Graf Berghe von Trips beim Italien GP  tödlich. Seitdem ist Monza gerade für deutsche Piloten die Strecke des Unerwarteten.

Sebastian Vettel (30) muss nicht lange überlegen: „Monza ist speziell für mich. Als ich heute morgen mit meinem Renningenieur die Strecke entlangging, kamen die Erinnerungen von meinem Sieg 2008 gleich wieder hoch. Die Pole am Samstag, wie wir das Rennen am Sonntag gewannen. Toro Rosso hatte damals einen Ferrari-Motor und dann mit Gerhard Berger auf dem Podium zu stehen und auf die Tausenden Tifosi zu schauen; das waren und sind immer noch Gänsehautmomente. Nicht nur für mich, auch für meinen Renningenieur Riccardo Adami, der auch damals mein Renningenieur war.“

Zufall oder nicht: Der GP von Italien in Monza war schon immer eine Schicksalsstrecke für die Deutschen. Es ist am Sonntag fast auf den Tag genau 56 Jahre her, dass sich ein junger Adeliger aus Kerpen im königlichen Park von Monza die Krone im Motorsport aufsetzen wollte. In der Tat: Vor dem Großen Preis von Italien 1961 schien dem damals 33-jährigen Graf Berghe von Trips die Weltmeisterschaft nicht mehr zu nehmen. Trips, Held der deutschen Wochenschauen, war sich seiner Sache sicher. Taffy, wie ihn seine zahlreichen Bewunderer liebevoll nannten, zündete sich kurz vor dem Start noch eine letzte Zigarette an, streifte die Lederhandschuhe über, rückte sich die Staubbrille zurecht und klopfte seinen Mechanikern auf die Schultern.

September 1961: Von Trips verunglückt in Monza

Begleitet von den Jubelgesängen der Tifosi auf der Haupttribüne stieg er in seinen blutroten Ferrari. Es war das letzte Mal. In der zweiten Runde des Rennens passierte es: Eingangs der berüchtigten Parabolica-Kurve berührten sich die Räder des Trips-Ferrari mit denen des Lotus von Jim Clark. Der Ferrari wurde in die Luft geschleudert, Trips aus dem unkontrollierbaren roten Geschoss hinauskatapultiert. Der Frauenschwarm mit dem Hang zur Melancholie brach sich auf dem Asphalt von Monza das Genick. Sein Ferrari mähte einen Sicherheitszaun nieder und riss zwölf Zuschauer in den Tod. Die Radiosendungen in Deutschland unterbrachen sofort ihr Programm, als die ersten Meldungen über den Tod des Idols über den Ticker kamen. Deutschland verfiel drei Tage lang in eine kollektive Trauer.

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass der idyllische Park mit der ultraschnellen Rennstrecke vor den Toren Mailands Deutschland traurig machte. Zeitsprung, 5. September 1970. Für Ex-Formel-1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone war es ein Tag, den er genauso wenig aus seinem Gedächtnis verbannen kann, wie der Tag irgendwann 1943, an dem die deutsche Fliegerbombe neben dem kleinen Bernie auf einen Acker fiel. Die Bombe detonierte aus unerklärlichen Gründen nicht. An den 5. September 1970 erinnert sich Ecclestone deshalb so gut, weil er an diesem Tag nach eigenen Angaben das letzte Mal geweint hat. Ecclestone nahm damals seine Brille ab, trocknete mit dem Hemdsärmel seine Tränen, während er einen blutigen weißen Sturzhelm in einer schwarzen Ledertasche verstaute. Es war der Helm von seinem besten Freund Jochen Rindt, einem gebürtigen Deutschen. Rindt, der in Mainz aufwuchs und nach dem Tod seiner Eltern zur Großmutter nach Graz zog, war am Ende der Geraden zur ultraschnellen Parabolica kurz zuvor tödlich verunglückt.

Auch Jochen Rindt fiel der Parabolica zum Opfer

Eine Bremswelle an seinem Lotus war gebrochen, das Auto an einer Leitplanke zerschellt. Rindt, der aus Angst vor einem Feuerunfall auf die damals neuartigen Oberschenkelgurte verzichtet hatte, wurde unter das Lenkrad gezogen und von der Leitplanke zerquetscht. Der James-Dean der Formel 1, erst 28 Jahre alt, war tot. „Jochen hätte nicht sterben müssen“, sagt Ecclestone noch heute, „als ich zur Unfallstelle kam, sah ich ihn auf dem Rücksitz eines Volkswagen liegen. Jemand hat auf seinem Brustkorb rumgetrommelt. Dann haben sie ihn zuerst ins falsche Krankenhaus gefahren. Als sie im richtigen waren, war er schon tot. Solche Dinge belasten mich noch heute.“

Es ist immer noch eine Art Hassliebe, welche die Fahrer mit dem Traditionskurs verbindet. Deshalb fahren die Piloten jedes Jahr aufs Neue mit gemischten Gefühlen nach Monza. Ihr Herz sagt ja, der Verstand schreit Nein. Auf der anderen Seite aber gibt es diesen königlichen Park, der wie eine mächtige Kathedrale der Ruhe im Durcheinander des normalen italienischen Verkehrsalltags wirkt. Saftige Wiesen, kleine Wege, umgeben von mächtigen Bäumen, strahlen sogar Mystik aus. Die alten Steilkurven, auf deren Beton schon Gras wächst, und auf der bei jedem modernen Auto von heute sämtliche Warnlampen angehen, weil kein Simulationscomputer der Welt mit einer solchen Neigung einer Straße rechnet, sind Zeitzeugen der Historie.

Frentzen gewann 1999 vor Salo und Ralf Schumacher

Sie erinnern aber auch daran, wie trügerisch ein Paradies sein kann. Denn an der Rennstrecke im Park stehen mehr Kreuze als irgendwo anders. Alberto Ascari, Ronnie Peterson und – natürlich – die legendären Graf Berghe von Trips und Jochen Rindt – sie sind die berühmtesten Piloten, die ihr Leben im Park von Monza ausgehaucht haben. Nirgendwo sonst ist auch der Geist von Enzo Ferrari präsenter, der seine Piloten als heroische Jagdflieger verstand. Man versteht in dieser Umgebung viel besser, warum man Enzo als „Drachen“ bezeichnete, „der seine Kinder fraß.“

Gerade der königliche Park von Monza ist prädestiniert für das Besondere. Und keine andere Strecke steht aus deutscher Sicht mehr für Tränen und Tragödien aber auch für große Erfolge – der „Mythos Monza“ betrifft besonders deutsche Piloten. Nicht nur weil Sebastian Vettel hier 2008 noch mit Toro Rosso im strömenden Regen sein erstes Formel-1-Rennen gewann.

1999 siegte Heinz-Harald Frentzen im unterlegenen Jordan. Es war der letzte von Frentzens drei GP-Siegen. „Wahrscheinlich mein schönster“, erinnert er sich, „ich stand da oben auf dem Podium, unter mir gefühlte tausend Tifosi, ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper.“ Nur ein Jahr später wurde Monza für Frentzen zum Tal der Tränen. Bei der Anfahrt zur zweiten Schikane kollidierte er mit seinem italienischen Teamkollegen Jarno Trulli. Das Hinterrad von Frentzens Jordan erschlug einen Streckenposten. Nach dem Unfall hatte der sensible Mönchengladbacher seine Unbekümmertheit verloren, zog sich 2003 endgültig aus der Formel 1 zurück.

Schumacher siegte 2006 und trat danach zurück

Auch Michael Schumacher hatte seine speziellen Monza-Erlebnisse. 1991 wurde er in nervenaufreibenden nächtlichen Konferenzen in der Villa d’Este am Comer See von seinem ersten Formel-1-Team Jordan zu Benetton transferiert. 1996, vor seinem ersten Monza-Sieg für Ferrari, verriet Schumacher den begeisterten Tifosi die bevorstehende Ankunft seiner Tochter Gina Maria. 2000 brach der bis dahin als „seelenloser Computer“ bezeichnete Deutsche während der Pressekonferenz in Tränen aus, als ihm bewusst wurde, dass er mit seinem 41. Sieg die Traummarke des legendären Ayrton Senna erreicht hatte. Der verunglückte 1994 in Imola tödlich – zu Beginn jener Saison, in der viele Experten zuvor den großen WM-Kampf zwischen ihm und Schumi erwartet hatten. 2006 erklärte Schumacher auf der norditalienischen Traditionsstrecke seinen ersten Rücktritt aus der Formel 1.

Was bleibt ist die Erkenntnis: Angst muss man am Sonntag kaum noch um einen Piloten haben. Mit dem Sicherheitsstandard der Autos von heute hätten sich Trips und Rindt bei ihren Unfällen nur kurz geschüttelt.

Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff