/Formel 1: Kommerz-Chef im Interview Free-TV bleibt wichtig

Formel 1: Kommerz-Chef im Interview Free-TV bleibt wichtig

— 28.07.2017

Free-TV bleibt wichtig

Sean Bratches kümmert sich um alle kommerziellen Angelegenheiten der Formel 1, auch um TV-Verträge. Das erste Exklusiv-Interview in Deutschland!

Herr Bratches, die Verhandlungen um die neuen TV-Verträge in Deutschland stehen kurz vor dem Abschluss. Werden die Deutschen Formel 1 weiter im Free TV sehen können?

Sean Bratches: Wir sind gerade dabei eine ganze Zahl von TV-Verträgen auszuhandeln. Deutschland ist ein Land, um das es dabei geht. Wir haben derzeit eine fantastische Partnerschaft mit RTL und Sky – und das schon seit einer langen Zeit. Die Zahlen steigen. Das Qualifying in Aserbaidschan sahen beispielsweise 14 Prozent mehr Zuschauer als im Vorjahr, das Rennen sogar 43 Prozent mehr. Insgesamt sind die Quoten in Deutschland um zehn Prozent bei den Rennen und 29 Prozent im Qualifying gestiegen. Wir haben also eine schöne Erfolgsstory zu erzählen und eine großartige und wachsende Marke. Fakt ist auch: Wir werden das TV-Erlebnis weiter verbessern hinsichtlich Kameraführung, Grafik und Second-Screen-Angeboten.

Wie meinen Sie das genau?

Müssen die Fans bald für die F1-Action bezahlen?

Die Kameras fokussieren sich mehr aufs Racing, wir gehen dichter ran an die Autos, fangen spektakulärere Bilder ein als früher. Wir haben mittlerweile 25 Spotter bei jedem Rennen um die Strecke verteilt, die in ständigem Kontakt mir unserem Übertragungscenter stehen und auf Duelle oder bevorstehende Action hinweisen. Im nächsten Jahr wird man die Veränderungen noch stärker auch am TV wahrnehmen können. Wir wollen Speed, Racing und Sound viel ausgeprägter zu den Zuschauern bringen.

Sie haben zuletzt immer wieder betont, Sie wollen ein Verhältnis von 30 zu 70 Prozent bezüglich Free- und Pay-TV. Gilt das auch für Deutschland? Ist es tatsächlich möglich, dass die Formel 1 nur noch teilweise im Free-TV zu sehen ist?

(Lächelt). Solange wir uns in Verhandlungen befinden, werde ich das nicht kommentieren. Ich kann aber soviel sagen: Free-TV ist eine wichtige Komponente unserer Vergangenheit und wir sind auch der Meinung, dass es eine wichtige Komponente unserer Zukunft ist.

Wann werden Sie kommunizieren, wo die Deutschen in Zukunft Formel 1 schauen können?

Wir haben keinen Zeitdruck, arbeiten lieber akkurat als schnell.

Welche Rolle spielt es, dass Eurosport zum Discovery-Konzern gehört, dem auch Liberty Media angehört?

Sean Bratches handelt die TV-Verträge der F1 aus

Natürlich haben wir eine gute Beziehung zu unseren Freunden bei Liberty Global. Auf der anderen Seite sind wir ein eigenständiges Business. Wir werden Entscheidungen treffen, die im Interesse der Formel 1 sind und im Interesse der Formel-1-Fans.

Wie wichtig ist die Social-Media-Komponente für Sie?

Wichtig. Wir wollen eine komplett neue digitale Plattform aufbauen, responsive, vernetzbar mit social media und mit Non-live-Inhalten. Über der Formel 1 schwebt eine mächtige Wolke voller Inhalte und Daten. Wir brauchen aber das richtige Interface, um diese Daten so zur Verfügung zu stellen, dass sie leicht konsumierbar sind. Haben wir dieses, können wir Motorsport- und Formel-1-Fans besser bedienen, als das je der Fall war. Ich freue mich schon auf die Herausforderung, den Content und die Daten zwischen Free-on-air und bezahlbaren Inhalten aufzuteilen, auf die man zum Beispiel für zehn Euro im Monat zugreifen kann. Das kann reichen von Telemetriedaten über G-Kräfte, denen die Fahrer ausgesetzt sind bis hin zur Reifentemperatur oder dem Speicherstatus des Energierückgewinnungssystems. Davon gibt es 1000 verschiedene Dinge.

Gehören dazu auch historische Rennen – die man beispielsweise Streamen kann?

Absolut. Rennen aus der Vergangenheit sind Teil des Plans.

Welche Fahrer haben bisher am besten verstanden, wie Sie die Formel 1 pushen wollen?

Auch im Rennsport wird Streaming immer relevanter

Alle Fahrer haben erkannt, dass wir ihnen die Chance bieten auch ihre eigene Marke zu stärken. Ich möchte hier keinen Fahrer hervorheben. Einige sind etwas aktiver in den sozialen Medien als andere. Lewis Hamilton ist besonders professionell und effektiv, was seine Selbstdarstellung in den sozialen Medien angeht. Aber wir lieben all unsere 20 Fahrer. Wir sind der technologisch fortschrittlichste Sport auf dem Planeten, haben aber im Vergleich zu anderen Sportarten digitalen Nachholbedarf. Daran werden wir arbeiten, um das Fanerlebnis aufs gleiche Level zu heben, auf dem sich die Techologie der Formel 1 bereits befindet.

Welche Rolle spielt Online-Streaming?

Online-Streaming stellt eine Komponente der Distribution dar. Die Basis müssen aber Free- und Pay-TV bilden. Trotzdem muss man berücksichtigen, dass sich Technik und Konsumerverhalten ändern. Es gibt eine Reihe an Zuschauern, die gar keinen Fernseher mehr haben, die aber trotzdem Fans sind und bedient werden müssen. Dabei spreche ich allerdings nicht von kostenlosen Streams, sondern von Streams hinter einer Paywall, deren Preise so hoch angesetzt sein müssen, dass sie unsere TV-Verträge nicht kannibalisieren.

Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff