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Formel 1: Kolumne zum Sepang-Abschied Selamat Tinggal, Malaysia!

— 29.09.2017

Selamat Tinggal, Malaysia!

Die Formel 1 macht am Wochenende zum vorerst letzten Mal in Sepang Station. ABMS-Reporter Ralf Bach erinnert sich an 18 Jahre Malaysia-Geschichte.

Selamat Tinggal, Malaysia! Auf Wiedersehen Malaysia! Es ist das letzte Mal, dass die Formel 1 im Großraum Kuala Lumpur Station macht. Fahrern wie Fernando Alonso tut das richtig leid. “Es ist meine absolute Lieblingsstrecke”, sagt der Spanier über den Kurs, den der deutsche Streckenbauer Hermann Tilke für das erste Rennen 1999 auf einem ehemaligen Sumpfgebiet in der Nähe des Flughafens angelegt hat. “Es war ein Schlangengebiet, sie brüteten hier”, erinnert sich der Aachener, “deshalb muss man immer damit rechnen, dass sie zurückkommen.” Die Fotografen an der Strecke sind auch deshalb vorsichtig, wenn sie in der Nähe von Reifenstapeln stehen. Es könnte ja etwas Giftiges darin schlummern. Eine Königskobra soll ihren Weg sogar einmal auf eine Damentoilette gefunden haben. Diese Mär hält sich standhaft.

Am Ende durfte Ferrari 1999 doch den Sieg bejubeln

Ich war von Anfang an dabei und erinnere mich noch gut an 1999. Das Rennen endete dramatisch. Es gab einen Ferrari-Doppelsieg. Michael Schumacher, gerade vom Beinbruch genesen, fuhr für Teamkollege Eddie Irvine und ließ den Iren gewinnen. Irvine befand sich gerade im Titelkampf mit McLaren-Mercedes-Star Mika Häkkinen, der Dritter wurde. Dachte man zumindest. Doch nach am Rennen wurde Ferrari disqualifiziert. Die Größe der Windabweiser am Auto entsprach nicht dem Reglement. Damit war Mika Häkkinen Weltmeister. Nur der Finne glaubte das nicht. Bis morgens um sechs Uhr saßen wir in seiner Suite im Pan Pacific am Flughafen.

Seine Kumpels torkelten sternhagelvoll in Feierlaune durch die Zimmer. Häkkinens damals hochschwangere Ehefrau Erja schlief seelenruhig unbeeindruckt von dem Irrenhaus auf dem Sofa ein. Nur Häkkinen selbst blieb erstaunlich nüchtern. “Ich bin noch nicht Weltmeister”, prophezeite er. “Die geben Ferrari den Sieg wieder zurück. Deshalb will ich nicht feiern.” Die Ahnungen sollten den Finnen nicht täuschen. FIA-Präsident Max Mosley erklärte die Ferrari eine Woche später doch für legal. FIA-Technikmann Jo Bauer hätte einen Fehler beim Messen gemacht. Keiner glaubte dem Briten, aber die Entscheidung um den Titel wurde so zum letzten Rennen nach Japan verlegt – wo Häkkinen den Titel dann endgültig gewann.

Kimi Räikkönen feierte 2003 seinen ersten F1-Sieg

Auch 2003 ist mir noch präsent. Damals gewann Kimi Räikkönen mit McLaren-Mercedes sein erstes Rennen. Seine Euphorie darüber hielt sich aber in Grenzen. Für ihn war es nach dem Rennen wichtiger, rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Er hatte den gleichen Rückflug wie ich. Kimi, der Sieger des Malaysia GP, saß ganz alleine hinten am Abfluggate. Stoisch schaute er eine halbe Stunde nach vorne, seine Kappe tief ins Gesicht gezogen. Ich saß ihm gegenüber. Im Fernsehen flimmerte eine Zusammenfassung des Rennens und des feiernden Räikkönens auf dem Podium. Dort standen die übrigen Passagiere. Keiner erkannte den echten Kimi, der nur wenige Meter entfernt saß. Ich musste grinsen, Kimi grinste wissend zurück. Da wusste ich, dass mir da ein junger Mann gegenüber saß, der in der Lage war, über den Tellerrand der Formel-1-Themen hinauszuschauen. Kimi fand die Szene nämlich genauso surreal wie ich.

2010 wird mir aus anderem Grund in Erinnerung bleiben: Wegen einer Geschichte, die mein Freund Marco Mensurati während des Rennwochenendes veröffentlicht hat. Marco ist Reporter bei La Repubblica, einer der größten Tageszeitungen Italiens. Marco berichtet aber nicht nur von Formel-1-Rennen, sondern auch von Schiffskatastrophen und anderen weltbewegenden Themen. Er ist ein Reporter aus Leidenschaft und legt auch dann noch den Finger in eine Wunde, wenn die anderen ängstlich wegschauen. Auf der Herrentoilette im Fahrerlager sah er einen zehnjährigen Jungen, der ohne Handschuhe die Schüsseln reinigen musste. Daraus machte Marco eine große Story. Um dem Jungen nicht zu schaden, gab er ihm einen Phantasienamen: Mong. Mong war damals der größte Fußballstar Malaysias. Die Geschichte brachte den erhofften Erfolg. Der kleine Mong wurde nicht nur erlöst, sondern in Zukunft achteten FIA und Veranstalter höllisch darauf, dass es keine Kinderarbeit mehr an der Rennstrecke gab.

Der Kurs von Sepang ist bei den Fahrern sehr beliebt

Mit am Lustigsten fand ich das Rennen 2015. Mit meiner Kollegin Bianca Garloff schaute ich den GP in der Mercedes-Hospitality. Am Nebentisch saß Niki Lauda und war völlig vom Doppelsieg seiner Silberpfeile überzeugt. Die waren ja auch schneller als Sebastian Vettel in seinem zweiten Rennen für Ferrari. Die beiden Mercedes stoppten früh, Vettel sehr viel später – danach lagen die beiden Mercedes wieder in Führung. Wenig später stoppten die beiden Mercedes zum zweiten Mal, doch Niki grinste immer noch siegessicher vor sich hin. Bis ich ihm sagte: “Du hast gerade das Rennen verloren. Vettel stoppt nicht mehr.” “Ach was”, grummelte Niki zurück, “Du hast doch keine Ahnung.” Wir warteten zwei Minuten, fünf Minuten. Vettel machte keine Anstalten zum Reifenwechsel. Dann wurde es Niki zu bunt. Er ging zur Mercedes-Box und kam wenig später frustriert zurück. “Du Depp hast Recht”, blökte er. Das mit dem Depp war nicht schlimm, dieser Ausdruck ist Folkore für Lauda und seine Landsleute südlich der Zugspitze und eigentlich gar nicht bös gemeint.

Das waren meine persönlichen Highlights von allen Malaysia-Wochenenden. Das Rennen wird mir fehlen. Wegen der freundlichen Menschen dort, der Natur und wegen des Wetters. Selamat Tinggal, Malaysia!

Die Top-10 der besten Malaysia-Momente gibt es hier in der Galerie: