/Formel 1: Chase Carey im Interview Exklusiv: Hier spricht der F1-Boss

Formel 1: Chase Carey im Interview Exklusiv: Hier spricht der F1-Boss

— 05.08.2017

Exklusiv: Hier spricht der F1-Boss

Chase Carey ist der neue Bernie Ecclestone der Formel 1. AUTO BILD MOTORSPORT traf ihn zum Exklusivinterview.

Herr Carey, Zeit für eine Halbzeitbilanz nach Ihren ersten sieben Monaten an der Spitze der Formel 1.

Das emotionale Highlight war aus sportlicher Sicht Vettels Rempler gegen Hamilton in Baku. Als Sie den Vorfall gesehen haben: Was haben Sie da gedacht? Holy Shit oder Hallelujah?
Chase Carey: Um ehrlich zu sein: ein bisschen von beidem. Einerseits möchte ich genau das: Dass sie mit ihrem ganzen Herzen gegeneinander kämpfen. Ich will Gladiatoren sehen. Andererseits gibt es gewisse Regeln, an die sie sich halten müssen. Da schlugen zwei Herzen in meiner Brust.

Waren Sie mit der milden Strafe zufrieden, weil sie gut für den WM-Kampf war?

Da will ich mich gar nicht einmischen. Das ist Sache der FIA und es ist wichtig deren Rolle zu respektieren. Trotzdem: Sebastian hat sich entschuldigt, damit wäre die Sache auch für mich abgehakt gewesen.

Grundsätzlich müssen Sie mit Ihren ersten Monaten als neuer Formel-1-Boss aber zufrieden sein.

Sebastian Vettel geht als WM-Führender in die Sommerpause

Ja, wir hatten einige gute Rennen, wir haben einen besseren Wettbewerb als letztes Jahr. Das könnten wir noch verbessern. Es war schön ein drittes Team ganz oben auf dem Podest zu sehen – das wünsche ich mir regelmäßig. Abgesehen vom Vorfall zwischen Hamilton und Vettel hat mir das Rennen in Baku viel Spaß gemacht. Die Formel 1 hat dort viele Dramen produziert – das wollen die Zuschauer sehen: Unvorhersehbarkeit, Action, Kontroverse. Davon will ich mehr – und es gefiel mir auch, wie Hamilton beim Finale in Abu Dhabi 2016 mit allen Mitteln versucht hat noch Weltmeister zu werden. Diese Fahrer sind Helden und man will sehen, wie sie bis zum Ende hart um den Titel kämpfen – mit ihrem ganzen Herzen und ihrer Seele. Das macht den Sport so speziell.

Vettel hat das in Baku getan – in den sozialen Medien ist er ein Verweigerer. Kann er trotzdem einer Ihrer modernen Helden sein?

Natürlich. Es gibt keine Form, in der ein Held gegossen wird. Wir brauchen unterschiedliche Persönlichkeiten und Vettel ist einer der ganz großen Protagonisten unseres Sports – auch wenn er anders ist als Lewis. Diese Antipoden brauchen wir.

Wenn Sie einen Superhelden für die Formel 1 kreieren könnten – wie würde der aussehen?

Ich will mir gar keinen Superhelden bauen. Wie gesagt: Diese Typen gibt es in allen Größen und Formen. Es gibt keine Formel für einen Helden. Wenn man versucht einen Muhammad Ali zu kopieren, verliert man seine eigene Persönlichkeit. Authentizität ist wichtig. Ich war früher ein Yankee-Fan (New Yorker Baseball-Team; d. Red.) und da gab es einen Spieler, der total ruhig und unscheinbar war, zu Hause bei seiner Mutter lebte, und später an einer Krankheit starb, die nach ihm benannt wurde. Kurz vor seinem Tod hielt er eine sehr emotionale Rede in seiner Yankee-Uniform. Er wurde für seine Hingabe und seinen Mut bewundert – obwohl er kein Megastar war.

Lewis Hamilton ist das komplette Gegenteil. Wie wichtig ist er für Sie gerade auch in den USA?

Hamilton ist schon mit dem neuen F1-Boss Essen gegangen

Lewis ist mehrfacher Weltmeister. Und er kann einen Raum ausfüllen. Er hat einen einzigartigen Style, der viele Leute anzieht. Ich erinnere mich an eine Szene aus Barcelona, wo er mehrere Kinder auf der Haupttribüne abklatschte. Das hat er nicht für die Kameras gemacht, sondern aus eigenem Antrieb heraus. Danach habe ich ihm gleich eine SMS geschrieben, weil ich so begeistert war. Er ist auch einer der wenigen, mit denen ich mich schon einmal zum Essen getroffen habe. Und ich war struck bei seiner Nachdenklichkeit und Intelligenz. Eine großartige Persönlichkeit – und ein einzigartiger Star für die Formel 1.

Was wünschen Sie sich noch für diese Saison?

Mein Wunsch: Dass die WM bis Abu Dhabi offen bleibt. Außerdem mehr Rennen wie Baku mit jeder Menge Action, neuen Siegern und jemandem wie Lance Stroll auf dem Podium. Für den Sport ist es eine großartige Geschichte, wenn ein Underdog plötzlich Erfolg hat. Stroll musste acht Wochen lang Kritik einstecken und sich anhören, dass sein Vater ihn eingekauft hat – und dann antwortet er in Baku auf der Strecke. Davon will ich mehr.

Und wer sollte am Ende gewinnen?

Der deutsche Fahrer mit dem italienischen Auto oder der Brite im deutschen Silberpfeil? (lacht). Das werde ich immer gefragt. Ich sage dann stets: Ich will nur ein gutes Rennen.

Wie wichtig sind die Hersteller wie Ferrari und Mercedes für Sie?

Sehr wichtig. Aber wir wollen, dass jedes Team wettbewerbsfähig ist und siegen kann. Natürlich hat Ferrari eine lange, einzigartige Geschichte. Und mir wurde auch gesagt, dass wir in Monza ein Meer aus roten Fahnen sehen werden. Trotzdem ist für mich jedes Team wichtig. Wir wollen ein Spielfeld bereitstellen, auf dem fairer Wettbewerb möglich ist. Wir haben keine Favoriten und behandeln alle gleich. 

Wie können Sie den Underdogs denn helfen zu gewinnen? Im Moment ist das kaum möglich.

Carey will den Underdogs entgegenkommen

Wir haben bereits einige Initiativen am Laufen. Eine ist ein neuer Motor. Hut ab vor Mercedes, die den aktuellen Abtrieb am besten gemeistert haben. Aber der Unterschied in der Performance ist dadurch zu groß geraten. Deshalb wollen wir es vereinfachen unter dem Motto: lauter und billiger = besser. Ein anderer Bereich sind die Kosten. Es gibt Teams, die geben derzeit 500 Millionen Dollar pro Jahr aus – andere 100 Millionen. Das behindert und verzerrt den Wettbewerb. Wir wollen kein Wettrüsten wie im Atomkrieg – weil es den Fans nichts bringt. Und auch den Teams nichts. Ziel muss sein, dass die Mannschaften mit dem Sport Geld verdienen können. Heutzutage macht kein Team Gewinn. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir wollen die Technologie nicht einbremsen. Die Formel 1 soll ein Labor für Hersteller bleiben – aber gleichzeitig auch ein Sport.

Was ist der Schlüsselfaktor, um den amerikanischen Markt endlich zu erobern?

Zeit. Wir haben einen Fünf-Jahres-Plan und geben nicht gleich auf, wenn ein Rennen mal nicht funktioniert hat. Ich will Bernie hier gar nicht kritisieren. Er hat viele Dinge sehr gut gemacht. Aber er hat zu sehr nach kurzfristigen Deals gejagt. Wenn man nach New York will, braucht das Zeit und gute Planung. Früher funktionierte die Formel 1 so, dass man einen Vertrag unterschrieb und den Rest dem Promoter überlassen hat. Das geht so nicht mehr. Wir müssen die Leute bei ihrer Vorstellungskraft packen. Das geht nicht in Phoenix, aber in New York oder Miami sehr wohl. Wir wollen keinen neuen Sport schaffen, sondern auf der bestehenden Plattform aufbauen – die Leute aber stärker abholen und die Fans stärker an uns binden. Das gilt auch für Asien. Wir werden das nicht in den nächsten drei Jahren schaffen – aber in zehn. Diese Zeit müssen wir uns geben. Erste Zeichen sind auch schon zu erkennen: Seit wir unser Engagement bei den sozialen Medien hochgefahren haben, sehen wir auch mehr Feedback aus den USA. Dort gibt es eine größere Fanbase, als man denkt. Bislang ist aber nichts passiert, um die Leute abzuholen.

Wie schwierig ist es die Balance zu bewahren zwischen Sport und Entertainment. In Austin wurde das Qualifying wegen eines Konzerts von Justin Timberlake nach hinten gelegt.

Sport ist Entertainment. Aber es stimmt auch: Wir versuchen gerade zu laufen, bevor wir gehen können. Ich verstehe das Problem: Wenn wir ein Qualifying um 16 Uhr in Austin starten, läuft das in Europa erst in der Nacht. In den USA wird es uns aber helfen. Trotzdem: Unser Kernprodukt ist ein Rennen. Und das wird auch so bleiben. Wir werden den Sport nicht kastrieren, um ein Entertainment-Erlebnis um ihn herum zu schaffen.

Wie wichtig ist der deutsche Markt für Sie?

Carey plant eine langfristige Zukunft mit dem Deutschland GP

Die Basis des Sports ist extrem wichtig. Und man kann nur wachsen, wenn man die Basis stärkt. Dazu gehören für uns die historischen Grand Prix in Europa – und auch Deutschland. Wir haben noch ein paar Probleme, durch die wir hindurchnavigieren müssen. Aber Deutschland, Frankreich, England, Italien und Spanien sind unsere Kernländer in Europa. Wir haben einen deutschen Champion, ein deutsches Auto als Weltmeister, einen Deutschen, der dieses Jahr um den Titel kämpft. Der deutsche GP hat eine große Historie und wir hätten auch gerne noch mehr deutsche Teams. 2018 kommen wir nach Deutschland zurück. Und wir kämpfen dafür, dass es darüber hinaus weitergeht.

Buhlen Sie auch um große deutsche Hersteller wie BMW, Porsche oder Audi?

Natürlich: Unser Ziel ist es, dass solche Firmen Rennteams in der Formel 1 besitzen wollen. Deshalb passen wir die technischen und ökonomischen Rahmenbedingungen an.

Wie viel hat Ross Brawn, der sieben WM-Titel mit Michael Schumacher gewonnen hat, schon von ihm erzählt?

Er ist ganz klar eine der ikonischen Figuren der Formel 1. Ross und ich arbeiten zwar noch nicht lange zusammen, aber ich habe schon genug Geschichten über sein einzigartiges Talent, seine Fähigkeiten, seinen Ehrgeiz, seine Fitness und seine Emotionen gehört. Michael Schumacher definiert das Nonplusultra eines Formel-1-Rennfahrers. Und wir werden auch einen unserer Konferenzräume in unserem Hauptquartier in London nach ihm benennen, um ihm Respekt zu zollen.

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach


Fotos:
Picture-Alliance; Hersteller; Getty Images