/Einmal Strom bitte: Wie der Energiehandel an der Börse funktioniert

Einmal Strom bitte: Wie der Energiehandel an der Börse funktioniert

Einmal Strom bitte: Wie der Energiehandel an der Börse funktioniert


Violetta Kuhn, dpa

Diese Börse ist nichts für Privatanleger: Die Strombörse EEX in Leipzig. Hier wechselt täglich Energie in unfassbaren Größenordnungen den Besitzer – zu erstaunlich niedrigen Kilowatt-Preisen, von denen der normale Verbraucher zu Hause nur träumen kann.

Strom ist unsichtbar, kann nicht über den Ladentresen geschoben werden und füllt keine Lagerhallen. Trotzdem wird damit natürlich gehandelt – in astronomischen Größenordnungen. Ein zentraler Knotenpunkt ist dabei Leipzig. Denn hier hat die Strombörse EEX (European Energy Exchange) ihren Hauptsitz.

Nahezu acht Terawattstunden würden hier an einem typischen Tag gehandelt, sagt der Vorstandsvorsitzende Peter Reitz. Doch dieser gehandelte Strom fließt meist nicht sofort zu irgendeiner Steckdose – und wechselt oft mehrfach den Besitzer, bevor er überhaupt produziert ist. Am Standort Leipzig geht es vor allem um Stromlieferungen in der Zukunft – und damit um Sicherheit für die gruppenweit mehr als 500 Marktteilnehmer aus 37 Ländern. Das können Stadtwerke sein, Banken oder internationale Kraftwerksbetreiber.

Strom auf Vorrat

“Am Terminmarkt können die Marktteilnehmer Risiken abfedern”, erklärt Reitz. Ein Beispiel: Ein Stahlwerk braucht für seine Produktion sehr viel Energie. Der Betreiber glaubt nun, dass der Strompreis in den kommenden Jahren ansteigt. Er sucht sich an der Börse einen Anbieter, der ihm Energie in den nächsten Jahren zu einem Festpreis verkauft – und muss keine Kostenexplosion mehr fürchten. Oder der umgekehrte Fall: Der Betreiber eines Kohlekraftwerks sucht einen Abnehmer, der langfristig zum jetzigen Preis kauft.

Diese anonyme Partnersuche trägt dazu bei, dass der Strom einen transparenten Preis bekommt. “Wir als Börse bringen Käufer und Verkäufer auf einer zentralen Plattform zusammen”, sagt Reitz. Betrieben wird diese von den Mitarbeitern der Marksteuerung. Jeder von ihnen sitzt im Leipziger City-Hochhaus vor mindestens vier Bildschirmen und schaut auf endlose Zahlentabellen. Sie zeigen, für wie viel Geld die Megawattstunden gerade den Besitzer wechseln. Am Abend bestimmen die Experten den Abrechnungspreis.

Ausgleich

“Die Strombörse sorgt – genau wie jede andere Börse – für einen effizienten Ausgleich von Angebot und Nachfrage”, teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Das führe dazu, dass der Strom möglichst kostengünstig bereitgestellt werde. Unternehmen wie der Essener Energieriese RWE schätzen den Marktplatz. Zu den vielen Vorteilen gehöre die Transparenz, sagt eine Sprecherin. Neben Strom können an der EEX auch Gas, Öl, Kohle, Emissionszertifikate und Agrarprodukte gekauft und verkauft werden.

Könnte von der Plattform nicht auch der normale Verbraucher profitieren? Warum nicht selbst mit Strom an der Börse spekulieren? “Das ist viel zu aufwendig für einen Privathaushalt”, sagt Peter Reitz. Ein eigenes Handelsterminal koste etwa 1800 Euro pro Monat. Für jedes Geschäft müssten Sicherheiten hinterlegt werden. Und: “Man müsste sich ständig mit dem Markt beschäftigen”, sagt Reitz.

Allein beim Energiekonzern RWE arbeiten nach Unternehmensangaben knapp 100 Händler. 25 Analysten beobachten den Markt, darunter acht Meteorologen. Das Wetter ist wichtig im Strommarkt. Denn sehr viel Sonne oder Wind können für ein Überangebot sorgen und kurzfristig die Preise sogar ins Negative fallen lassen. Dann stehen Erzeuger wie RWE vor der Wahl: Kraftwerke runterfahren? Oder für einige Stunden Abnehmer dafür bezahlen, dass sie überschüssigen Strom abkaufen? Beide Optionen bedeuten Nachteile.