/Ein Besuch im (chaotischen) Amazon-Lager

Ein Besuch im (chaotischen) Amazon-Lager

Wir haben den Weg von der Bestellung bis zur Auslieferung mitverfolgt

| von Paula Schneider

Besuch im Amazon-Logistikzentrum in Graben

Was haben Korkenzieher, Displayfolien und Atlanten gemeinsam? Sie liegen im selben Fach im Amazon-Lager. Dort herrscht nämlich das (kontrollierte) Chaos. Wir wurden einen Tag lang im Logistikzentrum in Graben herumgeführt und durften hinter die Kulissen blicken, wie täglich mehrere Millionen Artikel in die ganze Welt versendet werden.

So groß wie 17 Fußballfelder

Das Logistikzentrum in Graben ist eines von zehn Amazon-Lagern und wurde im Jahr 2011 eröffnet, die erste Bestellung ging am 01.09.2011 nach Leipzig. Insgesamt überspannt das Lager eine Fläche von 110.000 m²- das entspricht etwa 17 Fußballfeldern. Derzeit sind in Graben etwa 2.000 Mitarbeiter beschäftigt, davon 75 % unbefristet, so PR-Manger Michael Schneider. Er macht heute einen Rundgang mit uns, und zeigt uns die verschiedenen Arbeitsschritte, die zwischen einer Bestellung und dem Moment, in dem der Postbote an der Tür klingelt, liegen. 

Vermessung der Artikel an der Warenannahme

Mit Warnweste und Sicherheitsschuhen ausgestattet, nähern wir uns der ersten Station – der Warenannahme. Hier werden alle Produkte auf großen Paletten oder in Kartons angeliefert, dann ausgepackt und von den Mitarbeiter am sogenannten Cubiscan vermessen. Dieser kann zudem das Gewicht ermitteln und so schon Informationen über die spätere Paketgröße sammeln. In einer großen Halle sieht man hier überall Stationen mit Mitarbeitern, über ihnen jeweils eine Ampel: Bei grün wird gerade gearbeitet, bei orange brauchen sie neue Ware und bei rot gibt es ein Problem. Ihre Aufgabe ist es, die Artikel in das System zu bringen. Das funktioniert, indem sie die Artikel scannen, mit einem 6-Seitenblick kontrollieren und (sofern sie nicht beschädigt sind) in große, schwarze Kisten räumen. Ist die Kiste voll, kommt sie über ein Förderband in den Picktower.

Das Amazon Lager in Graben ist eines von zehn Logistikzentren in Deutschland.

Chaos im Warenlager…

Der Picktower kann als eigentliches Warenlager bezeichnet werden. Die sogenannten Stoer nehmen hier die Produkte aus den Kisten, die im Bahnhof ankommen und räumen sie in die Regale ein. Wer jetzt aber mit nach Artikel-Kategorie sortierten Regalen á la „Links die Drogerie-Produkte und rechts hinten die Bücher“ rechnet, hat weit gefehlt. Die Artikel werden hier nach dem sogenannten chaotischen System sortiert. Was zunächst widersprüchlich klingen mag, ist eigentlich leicht erklärt. Die Produkte können um den Bahnhof herum in jedes beliebige Regal gelegt werden. Durch Scannen wird die Position des Artikles dann ins System übertragen und ist ab diesem Zeitpunkt im Online-Shop erhältlich. Die Methode ist extrem platzsparend, da so keine Fächer für bestimmte Produkte freigehalten werden müssen. Eine Regel gibt es aber doch: Um Verwechslungen auszuschließen, dürfen niemals die gleichen Artikel in direkt neben- oder untereinander liegenden Fächern gelagert werden. So findet man zum Beispiel Schnürsenkel in einem Regalfach mit elektrischen Korkenziehern oder Handydisplay-Folien gemeinsam mit Atlanten. Lediglich Kleidung und Schuhe werden jeweils gemeinsam gelagert.

…aber mit System

Ist nun eine Bestellung bei Amazon eingegangen, gehen die sogenannten Picker mit einem Scanner durch die Regalreihen. Dieser zeigt ihnen die genaue Position der Artikel an und leitet sie so durch die Reihen. Auch hier wird von den Pickern nochmal der 6-Seitenblick zur Kontrolle angewendet. Ist ein Artikel beschädigt, landet er im „Damage-Bin“ und wird von der Qualitätskontrolle begutachtet. Es handelt sich also keineswegs um das pure Chaos – auch wenn das auf den ersten Blick vielleicht so scheint. „Es ist zwar chaotisch, aber schließlich ist es ein chaotisches System“, so Michael Schneider.
Inventur wird bei Amazon übrigens nicht wie bei anderen Betrieben einmal im Jahr gemacht-sondern permanent. Nur so kann gesichert werden, dass alle Produkte wieder rechtzeitig verfügbar sind.

In Graben werden die Artikel nach einem chaotischen System eingelagert.

Über 2 Millionen Paar Schuhe im neuen Hochregal

Doch nicht alle Produkte landen in den unendlichen Regalreihen im vierstöckigen Picktower. Es gibt Artikel, bei denen klar ist, dass sie in großer Menge bestellt werden, beispielsweise ein neuer Bestseller. Dieser bleibt dann in den Paletten, denn es wäre viel zu aufwändig, die Bücher alle im ganzen Tower zu verteilen. Auch entzündliche Produkte wie Nagellacke und Deodorants werden gesondert und unter verschärften Sicherheitsmaßnahmen gelagert. Das Päckchen erhält dann später ein spezielles Label.
Ein besonderes Highlight des Logistikzentrums ist das neue Hochregal, das 2016 erbaut wurde. Die 9 Meter hohen Regale sind bis oben hin gefüllt – mit über 2 Millionen Paar Schuhen. „Sie nehmen durch das Volumen der Schuhkartons viel Platz weg, sind aber wiederum sehr gut stapelbar“, so Markus Neumayer, Senior Operations Manager des Lagers in Graben. Um an jedes Paar zu gelangen, fahren die Mitarbeiter hier auf Gabelstaplern, die von Elektromagnetbändern gesteuert werden. Wer noch keinen Stapler-Führerschein hat, kann diesen machen – direkt bei Amazon. Es gibt in der Halle einen Übungs-Parkour, außerdem übernimmt Amazon die Kosten. 

Extra-Schichten ab Oktober

In der Halle sehen wir auch eine große Bühne. Markus Neumayer erklärt, dass es hier oft Veranstaltungen wie Konzerte für die Mitarbeiter gibt – beispielsweise war die Spider Murphy Gang in Graben. „Da freuen sich die Mitarbeiter dann, wenn wir sagen, dass sie während der Arbeitszeit hierherkommen können und etwas geboten bekommen“.
Bei Amazon wird in Schichten gearbeitet. Die erste Schicht beginnt um 6.45 Uhr und geht bis 15.05 Uhr, die zweite dann bis 23.05, immer abgestimmt auf die Zugabfahrtszeiten an der Haltestelle des Logistikzentrums. Für Eltern gibt es zudem die Möglichkeit, erst ab 9 Uhr anzufangen, nachdem die Kinder im Kindergarten abgegeben wurden. Ab 22. Oktober kommt aber zumindest im Bereich des Schuhregals noch eine Sonder-Schicht hinzu. „Wir bereiten uns auf Weihnachten vor“, so Markus Neumayer. Deshalb werden die Regale schon über Nacht mit Schuhen befüllt, damit sie am nächsten Tag nur noch aus den Regalen geholt werden müssen. 

Im Hochregal lagern über 2 Millionen Paar Schuhe

Paketband – und -größe auf Knopfdruck

Wurden die Artikel gepickt, geht es weiter zu den Verpackungsstationen. Auch hier sieht man das Ampel-Prinzip an den Tischen der Versandmitarbeiter. In der großen Halle stehen zudem Rollwagen mit Kisten, auf denen Laufzettel angebracht sind. So können die Mitarbeiter einsehen, bis wie viel Uhr sie Zeit haben, die Artikel zu verpacken und bis wann sie losgeschickt werden müssen. Hier finden dann auch erstmals die verschiedenen Produkte eines einzelnen Käufers zusammen – sie werden in gelben, kleinen Kisten sortiert.
An den Einpackstationen wird die Bestellung dann erneut gescannt und der Computer gibt Auskunft über die geeignete Paketgröße. Zudem wird auf Knopfdruck das Paketband ausgespuckt – schon zugeschnitten für das jeweilige Päckchen. In Zukunft sollen auch immer mehr Papierumschläge anstatt festen Kartons verwendet werden. Diese eignen sich laut Markus Neumayer besonders gut für Kleidung, zudem passen sie oft schon direkt in den Briefkasten.

Über 1000 Saison-Arbeitskräfte in der Vorweihnachtszeit

Bei der Bestellung kann der Kunde außerdem wählen, ob er die Artikel als Geschenkt verpackt haben möchte. Hierfür gibt es noch eine Extra-Einpackstation. In der Weihnachtszeit werden hier viele Saisonarbeiter eingestellt. Insgesamt beschäftigt Amazon in Graben während der Vorweihnachtszeit 1000 zusätzliche Saison-Arbeitskräfte. „Oft kommen diese jedes Jahr wieder, beispielsweise Studenten“, erklärt Michael Schneider. Das Einstiegsgehalt ist übrigens gleich hoch wie bei den fest angestellten Mitarbeitern und wird jedes Jahr erhöht, um die aktuelle Wirtschaftslage in der Region zu berücksichtigen. Die einzigen Voraussetzungen, die es gibt um bei Amazon beschäftigt zu werden, sind Deutsch- oder Englisch-Kenntnisse. Der jüngste Mitarbeiter in Graben wurde 1999 geboren – der älteste hat bereits 1999 bei Amazon angefangen, damals noch in Bad Hersfeld. Mit nun 70 Jahren könnte er zwar schon in Rente gehen, arbeitet aber freiwillig noch im Logistikzentrum. Übrigens übernimmt Amazon mit dem Career Choice-Förderprogramm 95 Prozent der Ausbildungskosten, wenn ein Mitarbeiter sich dazu entscheidet, lieber eine Ausbildung zu machen. 

Im vorletzten Schritt werden die Artikel von den Versandmmitarbeitern in Pakete gepackt

Versand in die ganze Welt

Die Päckchen haben es nun fast geschafft, was noch fehlt ist lediglich die Adresse. Aus Datenschutzgründen wird diese erstmals an der letzten Station sichtbar. Von einer Maschine über einem Laufband wird der Barcode des Päckchens gelesen, der für die Kundenbestellung steht. Im nächsten Schritt wird das Paket zur Kontrolle noch einmal gewogen, dann wird der Stamp, der Aufkleber mit der Adresse angebracht. Von roten Kunststoff-„Schuhen“ werden die versandfertigen Päckchen dann auf Rutschen geschoben, die sie zu den jeweiligen LKWs bringt. Ein Großteil der Bestellungen wird hier am nächsten Tag ausgeliefert, nach Stuttgart, München, Nürnberg und Augsburg sogar noch am selben Tag. Die Pakete werden mit den verschiedenen Logistik-Unternehmen wie DHL, UPS, Hermes oder auch Amazon Logistics dann in die ganze Welt versendet. Man kann also fast überall ein Päckchen aus Graben erhalten – allerdings nur, wenn über die Seite amazon.de bestellt wird.

Keine Roboter-Zukunft – zumindest in Graben

Und wie sieht die Zukunft aus? Während in vielen europäischen Logistikzentren, beispielsweise in Polen oder Spanien Roboter eingesetzt werden, sind diese für Graben nicht geplant. „Roboter lassen sich nur schwer nachträglich in unser Zentrum einbauen, dafür fehlt hier einfach der Platz.“ Im jüngsten Logistikzentrum Deutschlands, dem Amazon Lager in Winsen werden mit Start im Herbst 2017 hingegen Transportroboter eingesetzt. „So gibt es eben technologisch verschiedene Generationen von Logistikzentren“, meint Michael Schneider. Der PR-Manager hat wie jeder Verwaltungsmitarbeiter von Amazon Deutschland vor seinem Berufseinstieg eine Woche lang als Versandmitarbeiter gearbeitet. So kennt auch jede Verwaltungs-Arbeitskraft die genauen Abläufe und Prozesse und kann diese nach außen hin vertreten. 

 


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In Graben werden in Zukunft wohl keine Roboter eingesetzt.