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DTM: Gipfel der Stars “Bussi, Bussi? Nicht mit uns!”

— 21.09.2017

„Bussi, Bussi? Nicht mit uns!“

Die DTM-Stars Timo Glock, Mattias Ekström und Lucas Auer sprechen über den Meisterschaftskampf, die Zukunft der DTM und über die Formel E.

Die Herren Glock, Auer und Ekström, wie lautet Ihr vorläufiges Saisonfazit zur neuen DTM?

Timo Glock: Sportlich ist es die beste Saison, seit ich dabei bin. Wir bieten einen guten Sport.

Lucas Auer: Ich sehe mir sehr viele Serien an. Wir haben fast immer brutale Rennen, es ist ein spektakuläres Jahr, es geht richtig rund.

Mattias Ekström: Waren wir alle auf der gleichen Veranstaltung? Die DTM hat die besten Zutaten und an guten Tagen ist sie erste Sahne, Burner-Geil. Die kommen aber noch zu selten vor.

Wie macht sich Lucas Auers Onkel Gerhard Berger als DTM-Chef und was kann er dagegen tun?

Timo Glock liegt momentan auf dem siebten Platz

Ekström: Es ist gut, dass jemand da ist, der eine breitere Sicht der Dinge hat. Es geht in die richtige Richtung, aber vielleicht nicht schnell genug. Wenn man den Trend von morgen nicht spürt, dann hast du in dem Geschäft keine Chance. Meine Sorge sind die langsamen Veränderungen und Dimensionen in der DTM.

Glock: Ich war von Anfang an sehr glücklich, dass er es macht. Weil er alle Facetten kennt, ob als Fahrer oder als Sportchef. Er ist der perfekte Mann dafür. So, wie er es angeht, ist der richtige Weg. Ich hoffe, dass er nicht den Mut verliert und die Serie in die richtige Richtung bringt.

Auer: Ich fand bislang jeden seiner Schritte gut, ich fühle mich nirgends wohler als unter seiner Leitung. Nicht, weil er mein Onkel ist, sondern weil ich weiß, wie viel Erfahrung er hat. Ich bin ein riesiger Befürworter. Ich finde die Richtung gut, in die es geht.

Wer hat im Titelkampf die größeren Chancen: Die alten Hasen oder die jungen Hüpfer?

Auer: Der junge Hüpfer. Der kann noch weiter hüpfen. Es ist schwierig, vor allem diese beiden Jungs sind mit allen Wassern gewaschen. Jetzt wird es interessant, man wird viele Fehler sehen, wenn der Druck steigt. Es wird darauf ankommen, wer jetzt einen kühlen Kopf bewahrt. Das wird Hardcore.

Ekström: Es sind noch viele Punkte zu holen. Es ist alles so eng, es ist noch lange nicht vorbei. Der Kampf geht weiter, bis Fehler passieren. Alle machen Fehler. Heißt: Wer macht die wenigsten Fehler?

Glock: Mein Ziel war es, konstant in die Top fünf zu fahren. Wenn ich das schaffe, bin ich automatisch dabei. So gehe ich es an.

Kommen jetzt die Psychospielchen unter den Fahrern?

Ekström: In diesem Jahr sind sich die Fahrer untereinander sehr einig, der Respekt, vor allem unter den Titelkandidaten ist sehr groß. Muss man das also überhaupt machen? Jeder schaut erst einmal auf sich, denn wenn du mit Psychospielchen anfängst, machst du nichts anderes mehr. Deshalb glaube ich, dass da auch nichts kommen wird.

Auer: Auf der Strecke vielleicht, aber neben der Strecke? Diejenigen, die damit anfangen, werden die ersten sein, die aus dem Titelkampf raus sind.

Glock: Wenn das einer macht, soll er es machen. Mich stört das nicht. Ich mache so weiter, wie ich es das ganze Jahr mache, da bin ich völlig entspannt. Außer vielleicht in Zandvoort, als meine Emotionen inklusive Stinkefinger mit mir durchgegangen sind.

Timo Glock fährt seit 2013 in der DTM

Braucht die DTM generell mehr Stinkefinger?

Glock: Emotionen zu zeigen, ist nie verkehrt. Aber wenn dann mal einer über die Stränge schlägt, wird wieder zurückgerudert. Die Frage ist also: Will man das wirklich oder sagt man das nur so?

Ekström: Jeder hat seinen eigenen Geschmack, wie viel Salz und Pfeffer in die Suppe gehört. Ich glaube, dass ein paar Kräuter in der Suppe der DTM gut tun. Die Fans wollen unterhalten werden und die Wahrheit sehen. Wir sind die größte Motorsportserie außerhalb der Formel 1 und es wird erwartet, dass wir alle Händchen halten und Bussi Bussi machen? Das sehe ich nicht so.

Auer: Eki ist das beste Beispiel. Er ist bekannt, weil er auch das sagt, was er denkt. Das ist authentisch. Stinkefinger brauchen wir vielleicht nicht, aber Emotionen und Fahrer, die ihre Meinung vertreten. Es kommt natürlich auch auf das Standing des Fahrers an. Eki hat eine große Fanbase deswegen, und auch wegen seinen Leistungen.

Ekström: Die Fans wollen sich mit den Fahrern identifizieren. Alle Fahrer haben einen Charakter. Die Frage ist nur, wie viel du davon zeigst.

Auer: Schau dir den Boxkampf zwischen Conor McGregor und Floyd Mayweather an, was die im Vorfeld abgezogen haben. Die haben eine Show abgezogen, da habe ich oft gedacht: „Das ist zu viel.“ Aber es war trotzdem geil.

Ein Kritikpunkt der Fans sind 16 Disqualifikationen in den vergangenen fünf Jahren, im gleichen Zeitraum gab es nur zwei in der Formel 1. Woran liegt das?


Ekström: Ich frage als NASCAR-Fan: Wie oft werden die da disqualifiziert? Nie! Du bekommst einen Pokal. Und wenn du beschissen hast, bekommst du am Dienstag einen Punktabzug oder eine Geldstrafe. Gewinner bist du trotzdem. Ich glaube, wir haben ein zu bescheidenes technisches und sportliches Reglement, das nicht in diese Zeit passt. In unserer Auslaufrunde fahren wir über Stock und Stein und in die Wiese, um Gewicht zu holen. In der NASCAR machen die einen Burnout und feiern mit den Fans.


Glock: Stimmt. Nach meinem Sieg in Zandvoort hat mir mein Ingenieur 15 Sekunden lang erzählt, was ich in der Auslaufrunde alles machen muss. Da brauche ich ein Klemmbrett zum Mitschreiben.


Auer: Bei meinem Sieg am Nürburgring am Wochenende habe ich die Hand gehoben: „Danke, Jungs“ – und das war es. Ich habe ehrlich gesagt noch nie ein Burnout gemacht. Aber: Wenn ich aufs Dach klettere und mit meinem Fuß einbreche, wäre das sicher auch nicht so lustig.


Glock: Es wäre ein viel geileres Bild, wenn du gewinnst und vor der Mercedes-Tribüne drei Stunden lang einen Burnout machst.


Ekström: Wenn du das machst, weißt du aber bereits, dass das Gummi und die Gewichts-Toleranz fast weg sind.


Glock: Die Botschaft ist doch: Der Sport muss so geil sein, dass der Fan auf der Tribüne sitzt und sagt: „War das geil, eine Mega-Show, wo ist das nächste Rennen? Da muss ich hin.“ Das muss das Ziel sein.

Mattias Ekström wurde bereits zweimal DTM-Champion

Wie kann man der DTM noch helfen, damit sie eine Zukunft hat?

Ekström: Eigentlich macht man nicht viel verkehrt, man macht es nur zu langsam. Es ist doch so: Von einer guten Meisterschaft und einem guten Geschäft will sich keiner trennen. Da willst du hin. Heißt: Wenn das Geschäft wieder stimmt, kommen alle wieder zurück und wollen ein Teil davon sein.

Auer: Die Dinge, die wir vor der Saison geändert haben wie der Indy-Restart oder die kalten Reifen waren gut. Es gibt nicht viele Klassen, die geilere Rennen hat. Es fehlen ein paar Kleinigkeiten, dann reißen die Leute die Augen auf.

Glock: Wir können nur sagen, was dem Sport guttut. Das wäre in erster Linie das Auto. Wenn wir merken, dass wir nicht die Show bieten können, die wir bieten könnten, teilen wir das mit. Das machen wir seit vier Jahren, mehr können wir nicht machen.

Wie müssen denn die neuen Autos sein?

Glock: 650 PS, viel weniger Abtrieb.

Ekström: Der Sound gehört immer noch zu unserer Motorsport-Kultur. 650 PS ist fast schon die Untergrenze. Dann muss man aber fast schon eine Tonne Abtrieb wegnehmen. Man muss das Rad nicht komplett neu erfinden, man kann auch von anderen Serien lernen.

Auer: Maximal PS. Ich würde sogar richtig übertreiben. 650 PS würden mir nicht mal ansatzweise reichen. Alles was geht, dass man richtig Angst hat mit dem Ding im Regen.

Welchen Hersteller würden Sie gerne in der DTM sehen?

Glock: Ich fände Opel geil, weil die eine riesige Fanbase haben. Oder Alfa.

Ekström: Als Schwede muss ich ja Volvo sagen. Aber ich kenne das selbst als Teamchef: Es geht immer darum, was es kostet und was man zurückbekommt. Wenn es nur das Geld wert ist, wenn du gewinnst und nur einer gewinnen kann, ist das schlecht. Die DTM muss so günstig sein, dass der Gewinner den Jackpot holt und die Verlierer trotzdem damit leben können.

Auer: Mir wäre das total egal. Zwei oder drei Hersteller mehr wären der Oberhammer.

Haben Sie als Fahrer einen Plan B?

Lucas Auer ist der Neffe von DTM-Boss Gerhard Berger

Ekström: Derjenige, der einen Plan B hat, hat Zweifel an Plan A. Der gilt für mich so lange, bis feststeht, dass es keinen Plan A mehr gibt. Für mich stirbt die Hoffnung zuletzt.

Auer: Solange du bei Plan A Leistung zeigst, stehen dir alle Türen offen. Wenn du nicht ablieferst, hast du ein Problem. Bis zur letzten Sekunde denke ich an die DTM und an Mercedes.

Wäre die Formel E eine Alternative?

Glock: Ich kann mich noch nicht damit anfreunden. Vielleicht müsste ich es mal fahren und schauen, ob es mir Spaß macht.

Ekström: Timo ist ein typischer Formel-E-Fahrer, das ist genau die richtige Motorleistungskategorie für dich (lacht).

Glock: Dann könntest du ja gar nichts mehr fahren. Es gibt ja nichts Langsameres als die Formel E.

Ekström: Vom Wettbewerb her wird die Formel E wahrscheinlich der Oberburner. Von den Autos bin ich nicht so begeistert, aber von dem Kampf auf jeden Fall. Die ganzen Marken und so ein buntes Feld: Wann gab es das zuletzt?

Auer: Ich bin generell für alles offen. Aber ich habe mir noch keine Gedanken gemacht. Mal schauen, wo die Zukunft hinführt.