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Divinity Original Sin 2: Flirten, Tricksen, Massenmorden

Divinity Original Sin 2: Flirten, Tricksen, Massenmorden


Peter Kusenberg

Divinity Original Sin 2 soll ein “im besten Sinne klassisches Rollenspiel” werden, sagen die Entwickler. Sie haben dafür eine faszinierende Fantasy-Welt geschaffen.

Mit “Divinity: Original Sin” schufen die belgischen Entwickler von Larian Studios ein technisch zeitgemäßes und umfangreiches Action-Rollenspiel mit gut funktionierendem Runden-Kampfsystem. Der zweite Teil knüpft dramaturgisch an den Vorgänger an, wobei sich die nunmehr in drei Akte unterteilte Handlung in einer deutlich größeren Spielwelt entfaltet. Die Story von “Divinity: Original Sin 2” hinterließ während der Präsentation auf der Gamescom einen guten Eindruck.

Statt Fantasy-Einerlei erlebt der Spieler eine pointiert geschriebene Geschichte, die rund 1000 Jahre nach dem ersten Teil spielt und Themen wie politische Verfolgung, Gedankenfreiheit und Kampf gegen ein dogmatisches Regime behandelt. Ein mächtiger Bischof erklärt alle Südländer zu Kriminellen, was vier von ihnen dazu bewegt, den Kampf gegen den selbstgerechten Kirchenfürsten und seine Schergen aufzunehmen.

Wandlungsfähige Helden

Dazu muss das vom Spieler gelenkte Quartett aus einer Strafkolonie im Südwesten der enorm weitläufigen Spielwelt entkommen. Anders als im Vorgänger erlauben es die Larian Studios dem Spieler, einen vorgefertigten und mit detaillierter Biographie ersonnenen Helden zu wählen, wobei man frei über den Beruf und die Spezialisierung entscheidet. Neben Menschen darf man einen Helden aus der Spezies der Elfen wählen, einen Zwerg oder eine Echse. Später kommen Untote hinzu, die unter den Gegnern Angst und Schrecken verbreiten.

Jede Spezies kann sich mithilfe einer Maske verkleiden. Diese Verwandlungstricks erweisen sich als hilfreich, um anderen Spielfiguren Informationen aus der Nase zu ziehen oder besondere Gegenstände zu erwerben. Es kann aber auch einfach Sinn machen, seine Identität zu verbergen: Die Bewohner der Spielwelt sind zum Teil Sexisten, Rassisten – oder beides. In diesem Fall verwandelt sich die Zwergenfrau besser in einen männlichen Menschen, um nicht allein kalte Schultern zu sehen. Um andere Spielfiguren für seine Sache zu gewinnen, nutzt man neben Tricksereien die Antwortoptionen in den Dialogen. Man hat so an manchen Stellen die Wahl zwischen diplomatischer und brachialer Vorgehensweise.

Beim Tricksen und Debattieren sollte man über die richtigen der frei wählbaren Talente verfügen; passenderweise entwickelt man via Skill-Crafting neuartige Fähigkeiten. Steckt der Held im Kerker fest, nutzt er seinen Tiersprach-Zauber, um mit einer Ratte zu reden, die ihm vielleicht einen Weg aus dem Gefängnis weist.

In moralischer Hinsicht genießt der Spieler Handlungsfreiheit: Er darf sich als gutmütiger Held beweisen, sich zumindest gelegentliche Aussetzer erlauben, oder das komplette Abenteuer als mieser Bösewicht durchspielen, der sich auch mal mit den eigenen Gefährten anlegt. Das unlautere Geplänkel zwischen den Helden führt dazu, dass sie eigenständig wahrgenommen werden und bringt damit Spannung in die Dialoge und die Quests. Laut Hersteller soll es möglich sein, alle Spielfiguren zu töten – oder keine. Das führt zu einer Menge verschiedener Endsequenzen, die man aber erst nach einigen Hundert Stunden zu Gesicht bekommen soll: Laut Larian Studios dauert allein der erste Akt rund 80 Stunden.

Eine Million Wörter

Zum Glück haben die Belgier dem Spiel eine umfangreiche englische Lokalisierung spendiert, die aus einer Million Wörter beziehungsweise 74.000 Dialogzeilen bestehen soll. Die Kulissen sehen fabelhaft aus und lassen eine Menge Details erkennen. Dank der isometrischen Perspektive hat der Spieler stets einen guten Überblick über das jeweilige Schlachtfeld, was ihm dabei hilft, taktisch kluge Entscheidungen zu treffen. So kann man die Umgebung in sein Kalkül einbeziehen und das Wasser im Sumpf, in dem die Gegner stehen, in ätzende Flüssigkeit verwandeln. Das sieht hübsch aus und wird begleitet von Geräuschen, die Aufschluss geben über den Erfolg oder Misserfolg einer Aktion. Reizvoll ist außerdem der Koop-Modus, an dem bis zu vier Spieler teilnehmen dürfen. Ein PvP-Modus ist ebenfalls enthalten.

Anders als im Vorgänger hinterlässt die vielschichtige Story mit ihren aufwändig vertonten Dialogen einen erstklassigen Eindruck. Die deftigen Charaktere, ihre Ränke und Fisimatenten verheißen hunderte Stunden Spaß, wobei man auf jeden Fall ein Faible für traditionelle Erzähl-Rollenspiel à la „Baldur‘s Gate“ haben sollte, um nicht von der Fülle an Entscheidungen und Charakter-Tweakereien überwältigt zu werden.

Aktuell ist Divinity: Original Sins 2 als Early-Access-Titel verfügbar. Die Vollversion von „Divinity: Original Sin 2“ erscheint am 14. September für Windows, der Verkaufspreis beträgt zwischen 40 und 50 Euro. Versionen für Xbox One und PS4 sollen folgen.


(dahe)