/“Divinity: Original Sin 2” angespielt: Ein Spiel, sie zu knechten

“Divinity: Original Sin 2” angespielt: Ein Spiel, sie zu knechten

“Divinity: Original Sin 2” angespielt: Ein Spiel, sie zu knechten


Andreas Müller

Mit “Divinity: Original Sin 2” veröffentlicht der belgische Indie-Entwickler Larian den Nachfolger seines RPG-Überraschungshits von 2014. Alles ist ein wenig größer und hübscher geworden, aber auch besser?

Vor drei Jahren kam mit “Divinity: Original Sin” so etwas wie ein modernes Baldur’s Gate auf den Markt. Es bot eine riesige Spielwelt, eine Menge skurriler Charaktere und war taktisch anspruchsvoll. Die nun erschienene Fortsetzung hat all das – und noch ein wenig mehr: Evolution statt Revolution.

Der Spieleinstieg sollte allerdings langsam mal auf die No-Go-Liste des Game Designs gesetzt werden. Ich erwache wieder einmal als Gefangener an Bord eines Schiffes und muss ausbrechen. Bevor es aber soweit ist, wird das Schiff angegriffen und ich strande mit anderen Gefangenen passenderweise auf einer Gefängnisinsel. Von der muss ich dann natürlich wieder abhauen. Reicht’s nicht langsam mit diesem abgegriffenen Ausbruchs-Plot? Zumindest entwickelt sich die Story gut: Ein Tyrann macht Jagd auf magiebegabte Wesen. Natürlich bin ich einer davon, deswegen lande ich in diesem ganzen Schlamassel.

Home Sweet Home

Allerdings fühle ich mich hier schon nach ein paar Minuten pudelwohl. Irgendwas muss die monatelange Erfahrung aus dem ersten Teil ja gebracht haben. Die Rückkehr nach Rivellon ist auch so etwas wie eine Rückkehr in meine alte Heimat. Die Stimmung des Vorgängers wurde wunderbar eingefangen. Allein schon die Figuren, die ich kennenlerne: Eine Echse hält sich für einen Prinzen, eine Gefährtin ist schizophren und ein Skelett sucht verzweifelt nach einer neuen Gesichtsmaske.

Bei der Charakterauswahl kann ich neben Menschen auch Echsen, Elfen, Zwerge oder sogar Untote auswählen. Man kann sich völlig frei einen Charakter erstellen, oder man wählt einen von den vorgefertigten Presets: Diese Charaktere haben schon eine Biographie samt Charaktermerkmalen und Motiven. Wenn ich diese Figuren nicht auswähle, treffe ich sie später im Spiel und kann sie für meine Gruppe rekrutieren. Dadurch eröffnet sich eine ganze Reihe von Nebenquests, weil jede dieser Figuren ihren eigenen Kopf und Ziele hat. Beispielsweise will der Echsenprinz seinen Thron zurück und die Elfin will sich an ihren Peinigern rächen. Insgesamt kann ich mir ein Team aus bis zu vier K.I.-Mitgliedern zusammenstellen, im Koop-Modus reise ich alternativ mit menschlichen Mitstreitern. So viel Vielfalt gab es im Vorgänger nicht.

Taktische Kämpfe

Der Höhepunkt sind nach wie vor die anspruchsvollen Kämpfe, die wie im Vorgänger rundenbasiert ablaufen. Besonders das Zusammenspiel zwischen der Umgebung und den einzelnen Naturelementen bietet eine große taktische Tiefe. Öl auf dem Boden verlangsamt etwa die Figuren und macht sie leicht entzündbar. Das kann ich zwar mit einem Fass Wasser und einem entsprechenden Zauberspruch löschen, aber dann sind meine Figuren nass. Ein einziger Blitzangriff bringt mich dann schnell auf die Verliererstraße. Wenn ich will, kann ich Ölfässer deshalb wie Fallen platzieren, um sie später anzuzünden. Oder ich baue mir einfach aus Kisten eine Barrikade.

Schon die ersten Kämpfe, die wie der Rest des Spiels aus der isometrischen Perspektive gespielt werden, sind knifflig, weil die Gegner widerstandsfähiger geworden sind. Manchen Auseinandersetzungen kann ich mit Überredungstalent aus dem Weg gehen. Einfache Lösungen gibt es im Spiel aber selten, deshalb gilt wie schon im Vorgänger: Speichern sollte man so oft wie möglich. Die deutsche Version stand zum Zeitpunkt des Tests noch nicht bereit. Die englischen Originaldialoge sind dank vieler Akzente, Anspielungen und Sprecher sehr gelungen.

Zwischenfazit

Der Ersteindruck ist mehr als verheißungsvoll. Larian hat die Stärken des Vorgängers übernommen und ist ein paar Schwächen losgeworden. Das Tempo ist etwas höher und die Story entwickelt sich etwas schneller. Gerade im direkten Vergleich mit “Wasteland 2” oder “Torment: Tides of Numenera” erwarten den Spieler nicht endlos lange Textwüsten, sondern knackige und manchmal witzige Dialoge. Auch die Kämpfe sind spektakulär, ohne auf taktische Tiefe zu verzichten. “Divinity: Original Sin 2” ist ein Spiel für Rollenspieler der alten Schule: retro, aber mit dem Know-How von heute.

Divinity: Original Sin 2 ist am 14. September für PC erschienen und kostet 45 Euro. Für unser Angespielt haben wir es ein paar Stunden gespielt.


(dahe)