/Digitalisierung soll Landflucht in Landlust umkehren

Digitalisierung soll Landflucht in Landlust umkehren

Im Westerwald.

(Bild: Eve, Gemeinfrei (Lizenz Creative Commons CC0) )

Software macht die Digitalisierung auf dem Land konkret. So wird etwa Einkaufen für Dorfbewohner im hohen Alter oft zum Problem, Hilfe verspricht eine App für die Nachbarschaftshilfe: Wer ohnehin in die Stadt fährt, bringt der alten Dame etwas mit.

Zwei Jahre nach dem Start des Projekts “Digitale Dörfer” im Westerwald und in der Nordpfalz sind nun alle ländlichen Kommunen in Rheinland-Pfalz eingeladen, positive Erfahrungen zu übernehmen. Dazu hat das Innenministerium jetzt ein Buch mit konkreten Handlungsempfehlungen herausgebracht.

Das Buch mit dem Titel “#Landleben – Unsere Zukunft im digitalen Dorf” kann kostenlos heruntergeladen werden. Zielgruppe sind Verantwortliche und engagierte Bürger in den Kommunen.

“Aus Landflucht wird Landlust” – so bringt der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern, Peter Liggesmeyer, die Chancen der Digitalisierung für den ländlichen Raum auf den Punkt. Gezielte Angebote über das Internet sollen die Abwärtsspirale von Vergreisung, Leerstand von Häusern sowie Rückzug von Einzelhandel, medizinischer Versorgung oder Schulen stoppen. Die ersten Erfahrungen mit den “digitalen Dörfern” hätten gezeigt, wie eine Revitalisierung ländlicher Regionen gelingen könne, erklärt Liggesmeyer.

Digitale Dörfer in der zweiten Phase

Seit diesem Jahr ist das Projekt der “Digitalen Dörfer” in Rheinland-Pfalz in der zweiten Phase: Nach dem Start im Sommer 2015 sollen jetzt unter anderem Dienste zur Vernetzung der Dorfgemeinschaft entwickelt werden. Außerdem geht es darum, die bereits entwickelten Software-Anwendungen auf andere Dörfer zu übertragen.

In dem Projekt will das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern demonstrieren, wie die Digitalisierung gezielt genutzt werden kann, um das Leben in einem Dorf attraktiver zu machen. Gefördert wird das Projekt, das sich als Vorreiter für ähnliche Initiativen in anderen Bundesländern sieht, vom Innenministerium, das für die Kommunen zuständig ist. Die aus einem Wettbewerb hervorgegangenen Projektdörfer sind die Ortsgemeinden von Betzdorf-Gebhardshain (Kreis Altenkirchen) im Westerwald sowie Eisenberg und Göllheim im Donnersbergkreis.

Als Beispiel nennt Innenminister Roger Lewentz (SPD) den Coworking-Space “Schreibtisch in Prüm”. Das Modellprojekt in der Westeifel will das in vielen Großstädten bewährte Konzept für gemeinsames vernetztes Arbeiten auf den ländlichen Raum übertragen: “Dadurch können die Vorteile des digitalen Arbeitens genutzt werden und Menschen nah am Wohnort arbeiten, ohne pendeln zu müssen.”

Ebenfalls zum Nachahmen anregen will das Bürgerportal im Kreis Cochem-Zell. Die Bewohner des Landkreises können in diesem Modellprojekt online auf alle Dienste der Verwaltung zugreifen. “Ziel ist es, dass dieses Modell auf das ganze Land ausgedehnt werden kann und auch bundesweit mit anderen Ländern kompatibel ist”, erklärt die für Digitales zuständige Staatssekretärin Heike Raab (SPD).

Im Zentrum des Buchs steht eine Studie über die Möglichkeiten der Digitalisierung in der Kommunalentwicklung. Am Beispiel von fünf konkreten Lebenssituationen fiktiver Personen wird aufgezeigt, wie das Leben im digitalen Dorf bis 2035 gestaltet werden kann. Der Fokus liegt auf der Ansiedlung neuer Bewohner, dem demografischen Wandel, Beteiligung und ehrenamtlichem Engagement sowie auf der Sicherheit, nicht zuletzt der Datensicherheit.

Für die konkrete Umsetzung hat das Fraunhofer-Institut IESE bereits erste Anwendungen entwickelt, Lösungsbausteine für Gemeinden im ländlichen Raum. Dazu gehört eine Software für die Versorgung von Waren des täglichen Bedarfs, etwa zur Vorbestellung von regional erzeugten Lebensmitteln wie Brötchen vom Dorfbäcker oder Eier vom Hühnerhof. Eine App vermittelt freiwillige Lieferungen, wenn etwa einer älteren Frau der Weg zum nächsten Laden zu beschwerlich ist.

Für die Kommunikation wurden Module für einen “DorfFunk” und für “DorfNews” als digitales Mitteilungsblatt entwickelt. Noch in Entwicklung sind Anwendungen für die Mobilität wie die Vermittlung von Fahrgemeinschaften oder die Einbindung des ÖPNV-Verkehrs, wie IESE-Programm-Manager Steffen Hess erklärt.

Schließlich soll es auch ein Modul für Mitwirkungs- und Gestaltungsprozesse in der Gemeinde geben. “Wir wollen die Prozesse in der Gemeinde neu denken und realisieren”, sagt Hess im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Dazu gehören Stichworte wie Partizipation, Transparenz, Open Data und Open Government.

Das Buch solle den ländlichen Kommunen als Anregung dienen, um sich einen Arbeitsplan für die Digitalisierung vorzunehmen, sagt Rainer Zeimentz von der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz. Zur konkreten Umsetzung in den Gemeinden werden ab Ende Oktober auch Seminare gestartet für Bürgermeister und Mitarbeiter der Verwaltung. Die Digitalisierung sei aber keine Angelegenheit der internen Verwaltung, betont Zeimentz. “Es gelingt nur, wenn alle mitmachen.”
(Peter Zschunke, dpa) /


(jk)