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Diesel kaufen: Pro und Kontra Kann ich noch einen Diesel kaufen?

— 03.08.2017

Kann ich noch einen Diesel kaufen?

Die Diskussion geht auch nach dem Dieselgipfel weiter: Soll man noch einen Selbstzünder kaufen? Es gibt Argumente dafür wie dagegen. AUTO BILD hilft!




‘Welchen Antrieb hat Ihr nächstes Auto?’

Dieselfahrzeuge sind in Deutschland weit verbreitet. Noch. Denn durch die Diskussion um den Schadstoffausstoß und drohende Fahrverbote ist die Skepsis gegenüber dem Selbstzünder stark gewachsen. Und man muss es klar sagen: Auch der Dieselgipfel von Politik und Industrie am 2. August 2017 in Berlin hat nicht dazu beigetragen, das Vertrauen in den Diesel wiederherzustellen. Ist der Motor also eine Dreckschleuder, die Menschen krank macht und von der selbst die Europäer sich langsam abwenden? Sollte man seinen Diesel verkaufen, solange man es noch kann? Oder ist es vielmehr klug, die Gunst der Stunde zu nutzen und einen gerade günstig angebotenen Diesel zu kaufen? AUTO BILD gibt eine Entscheidungshilfe.

Anfänge: Warum geriet der Diesel in Verruf?
Umwelt: Welche Auswirkungen hat der Diesel?
Fahrverbote und blaue Plakette: Was hat es damit auf sich?
Umrüstung: Wie können Fahrverbote umgangen werden?
Euro 6: Sind moderne Diesel sauber?
Verbrauch: Benziner und Diesel im Vergleich
Absatz: Wie entwickeln sich die Zahlen?
Gebrauchte: Wie gut lassen sie sich verkaufen?
Verunsicherung: Wie verhalten sich die Kunden?
Strategie: Wie verhalten sich die Hersteller?
Steuer: Welche Vor- und Nachteile haben Dieselfahrer?
Diesel oder Benziner: Welche Variante lohnt sich mehr?
Meinung/ADAC: Welche Diesel kann ich bedenkenlos kaufen?

Warum geriet der Diesel in Verruf?

Hauptgrund ist der im September 2015 aufgedeckte VW-Skandal, bei dem millionenfach Abgasreinigungswerte zu Ungunsten der Umwelt und der Kunden manipuliert wurden. Inzwischen wurden weitere Hersteller wie Porsche überführt, auch gegen andere besteht der Verdacht. Die Rede ist von “Betrugssoftware”, “Abschaltvorrichtungen” und “Schummel-Dieseln”. VW kostete die Affäre Milliarden, das Image des Diesels wurde nachhaltig beschädigt. Die Diskussion über die giftigen Stickoxide (NOx) und die teils erheblichen Überschreitungen aktueller oder künftiger Normen bestimmen mittlerweile viele Schlagzeilen.

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Welche Auswirkungen hat der Diesel auf die Umwelt?

Die deutsche Autoindustrie sah und sieht die umstrittene Technik als CO2-armen Retter. Laut Branchenverband VDA ist Diesel effizienter und energiereicher als Benzin, die Motoren hätten einen um etwa 15 Prozent höheren Wirkungsgrad. Entsprechend verbrauchten Dieselmodelle auch weniger Kraftstoff. Weil der CO2-Ausstoß am Verbrauch hängt, komme aus dem Auspuff der Diesel-Autos unterm Strich also weniger von dem Klimagas – auch wenn der CO2-Gehalt je Liter Diesel tatsächlich höher ist. Für manchen Autoexperten ist der “klimafreundliche Diesel” indes ein Mythos, weil Dieselkraftstoff beim Verbrennen sogar etwas mehr Kohlendioxid je Liter ausstoße als Benzin. Thomas Koch, Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie, sagt, im Mittel lägen die CO2-Emissionen beim Diesel um 15 Prozent niedriger als beim Benziner. Trotz des geringeren Verbrauchs entstehen im Dieselmotor aber mehr Schadstoffe – vor allem gesundheitsschädliche Stickoxide (NOx), die derzeit die Diskussionen bestimmen. Sie können laut Umweltbundesamt Schleimhäute angreifen und zu Husten, Atembeschwerden und Augenreizungen führen sowie Herz, Kreislauf und die Lungenfunktion beeinträchtigen.

Was hat es mit Fahrverboten und blauer Plakette auf sich?

Video: Kommentar Schadstoff Plakette (2016)

Fahrverbot für Dieselfahrzeuge

Viele Städte haben wegen der Dieselabgase mit zu hohen Stickoxid-Werten zu kämpfen. Vor allem in Stuttgart und Hamburg drohen wegen Missachtung von EU-Grenzwerten Fahrverbote, weitere Großstädte könnten folgen. Politiker fast aller Farben und die Industrie wollen sie unbedingt vermeiden. Vor allem deshalb trafen sie sich am 2. August 2017 zum mit Spannung erwarteten Dieselgipfel in Berlin. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sowie viele Landespolitiker fordern eine blaue Plakette zur Kennzeichnung von vermeintlich sauberen Dieseln – sie soll allein Motoren mit der Abgasnorm Euro 6 vorbehalten sein. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist wie viele weitere Unionspolitiker dagegen. Sie sehen das Image des Dieselmotors durch eine solche Maßnahme noch mehr gefährdet. Von Fahrverboten könnten bis zu 13 Millionen Diesel betroffen sein. Benziner könnten wegen des geringeren NOx-Ausstoßes ab Euro 3 die blaue Plakette bekommen. Doch mit der zukünftigen Partikelfilterpflicht für Benziner verschärfen sich auch hier die Bedingungen.

Wie können Euro-5-Diesel mögliche Fahrverbote umgehen?

Durch Umrüstung. Über die Art und Weise herrscht allerdings Uneinigkeit. Die Hersteller wollen bis Ende 2018 insgesamt 5,3 Millionen Fahrzeuge mit einem Software-Update versehen, bei dem in die Motorsteuerung und die Abgasreinigung eingegriffen wird. Dadurch soll der NOx-Schadstoffausstoß um 25 bis 30 Prozent gesenkt werden. Mögliche Nachteile sind ein erhöhter Verbrauch und eine verminderte Leistung. Erwiesen ist das aber nicht. Viele Umweltverbände, aber auch neutrale Verkehrsexperten bezweifeln zudem den Grad der Wirksamkeit oder halten ihn nicht für ausreichend. Eine wirksamere, aber auch erheblich teurere Maßnahme wäre die Nachbesserung der Motor-Hardware. Hierfür käme vor allem eine sogenannte SCR-Anlage mit Harnstofflösung infrage, deren nachträglicher Einbau gut 1500 Euro kosten würde. Wie das genau funktioniert, sehen Sie in der Bildergalerie.

Sind neue Euro-6-Diesel sauber?

Das Umweltbundesamt warnte Ende April 2017, Euro-6-Diesel, die offiziell der jüngsten Abgasnorm entsprächen, stießen viel mehr Stickoxide aus als sie sollten. Der Labor-Grenzwert liege bei 80 Milligramm pro Kilometer, im Alltag seien es aber 507 – mehr als sechsmal so viel. Am schmutzigsten seien bei Untersuchungen Euro-5-Diesel mit einem NOx-Ausstoß von 906 Milligramm gewesen, dem Fünffachen des Grenzwerts von 180 Milligramm. Euro-4-Diesel, für die ein Grenzwert von 250 Milligramm gilt, bliesen 674 Milligramm Stickoxid pro Kilometer in die Luft. Die Hersteller wiesen die Vorwürfe zurück und verwiesen auf bestehende Gesetze und Homologations-Regelungen sowie die problematische Vergleichbarkeit von Tests im Labor und auf der Straße.

Das Problem ist erkannt, die wenig aussagekräftigen Labortests (NEFZ) werden in Europa bald durch realistischere Prüfverfahren ergänzt. Von September 2017 an werden Stickoxid-Straßentests (RDE-Tests = Real Driving Emission) verpflichtend für die Zulassung neuer Modelle, ein Jahr später dann für alle Neuwagen. Allerdings werden noch für viele Jahre großzügige Abweichungen erlaubt. Der CO2-Ausstoß wird bei neuen Automodellen von September an mit dem auf UN-Ebene vereinbarten WLTP-Verfahren gemessen. Ein Jahr später folgt die Einführung für alle Neuwagen.

Sind Diesel verbrauchsärmer als Benziner?

Diesel verbrauchen etwa 15 bis 20 Prozent weniger Kraftstoff als vergleichbare Benziner. Allerdings ist die Energiedichte von Diesel auch höher. Zudem kritisiert die Umwelthilfe, der technisch mögliche Verbrauchsvorteil beim Diesel werde überkompensiert durch das hohe Gewicht gefragter SUVs. Zudem sei die Herstellung von Dieselmotoren aufwendiger, auch hier entstünden CO2-Nachteile. Zumal moderne Benziner effizienter seien als früher, dank sogenannter Vollhybride, also Autos, die sowohl mit dem Verbrennungs- als auch dem Elektromotor fahren können. Diese hätten allerdings wiederum mit Partikel-Emissionen zu kämpfen, warnt der Karlsruher Motorexperte Koch.

Wie entwickeln sich die Absatzzahlen?

Deutschland ist ein Diesel-Land – noch.

Im Mai 2017 hatten nur noch gut 40 Prozent aller  verkauften Neuwagen in Deutschland einen Diesel unter der Haube.

Denn während der deutsche Automarkt insgesamt seit Monaten im Aufwind ist, sinkt der Marktanteil der Selbstzünder bei Neuwagen. Laut KBA-Zahlen ging der Marktanteil von Dieselfahrzeugen im Juli 2017 auf gut 40 Prozent zurück, ein Jahr zuvor lag er noch bei 47,1 Prozent. Bezogen auf das gesamteerste Halbjahr 2017 wurden 9,1 Prozent weniger Diesel verkauft – statt 812.440 wie 2016 nur noch 738.757. Und das, obwohl die Neuzulassungen mit 1,79 Millionen Fahrzeugen um 3,1 Prozent höher lagen als im Vorhalbjahr. 

Wie gut lassen sich gebrauchte Diesel verkaufen?

Das Geschäft wird zunehmend schwieriger. In einer Händlerbefragung der Deutschen Automobil Treuhand (DAT)

Der Diesel-Absatz sinkt, die Rabatte steigen. Schnäppchenjäger könnten auf ihre Kosten kommen.

gaben 58 Prozent der Händler an, derzeit gebrauchte Diesel mit höheren Rabatten als sonst üblich zu verkaufen. Bei Neuwagen griffen 36 Prozent zu diesem Mittel. Heißt für diejenigen, die einen Diesel kaufen wollen: Möglicherweise sind derzeit Schnäppchen zu machen. Auch beim Ankauf von Selbstzündern zeigen sich die Autohäuser der Befragung zufolge vorsichtig: 65 Prozent nehmen sie nur noch zu niedrigeren Preisen in Zahlung. Und auch der Restwert wird zum Problem: Laut Auswertung haben Dieselfahrzeuge nach drei Jahren mit 55,4 Prozent vom Listenpreis einen geringeren Restwert als vergleichbare Benziner (56,4 Prozent). Laut DAT-Auswertung haben Diesel mit 94 Tagen inzwischen eine deutlich längere durchschnittliche Standzeit bei Händlern als Benziner (82 Tage).

Wie verhalten sich die Kunden?

Die Skepsis wächst immer mehr. Das bestätigte Mitte Juli 2017 eine repräsentative Umfrage von Autoscout24 im deutschsprachigen Raum unter gut 1000 Personen. Demnach machen sich rund 60 Prozent der befragten Autofahrer derzeit Gedanken rund um den Abgasskandal und die Diskussion von Fahrverboten. Von den Haltern von Dieselfahrzeugen sind es sogar zwei Drittel (67 Prozent). 28 Prozent der Autobesitzer gaben an, von den Herstellern enttäuscht zu sein, die Abgaswerte manipuliert haben. Nur noch 15 Prozent der Befragten würden sich beim Kauf eines Fahrzeugs als erstes nach Dieselautos umschauen. Auch unter den aktuellen Dieselbesitzern sind es lediglich gut ein Drittel (38 Prozent). 18 Prozent von ihnen überlegen derzeit, ihr Fahrzeug zu verkaufen. 

Wie verhalten sich die Hersteller?

Unterschiedlich. Als erster großer Autobauer wendet sich Volvo wegen der steigenden Kosten bei der Abgasreinigung vom Diesel ab. VW bekennt sich zum Diesel, investiert aber mit neun Milliarden Euro dreimal so viel Geld in alternative Antriebe. Daimler will ebenfalls am Diesel festhalten, rechnet aber mit knapp einem Viertel batterieelektrischer Autos am eigenen Absatz bis 2025. Die Audi-Strategie sieht bis zu diesem Zeitpunkt ein Drittel Elektro und zwei Drittel Verbrenner vor – also Benzin, Diesel und Gas. BMW-Chef Harald Krüger sagte Anfang Mai 2017: “Nichts deutet auf einen Tod des Diesel hin. Der saubere Diesel hat noch eine lange Zukunft vor sich.” Toyota setzt schon seit Längerem auf alternative Antriebe, der Hybrid-Pionier ist einer der großen Profiteure auf dem deutschen Automarkt. Über allen Herstellern schwebt die EU-Vorgabe, wonach 2021 der Flottenausstoß nur noch 95 g CO2/km pro verkauftem Fahrzeug betragen darf. Andernfalls drohen hohe Strafzahlungen.

Welche Steuervor- und -nachteile habe ich als Dieselfahrer?

Genau 18,41 Cent pro Liter Treibstoff (47,04 Cent gegenüber 65,45 Cent) zahlen Dieselfahrer beim Tanken weniger Energiesteuer. Insgesamt ist der Sprit etwa 20 Cent pro Liter günstiger. Dafür ist die Kfz-Steuer für Dieselfahrzeuge etwas höher, abhängig von der Schadstoffklasse und vom Jahr der Erstzulassung (wie hoch die Steuer bei Ihrem Fahrzeug ist, können Sie hier in drei Schritten errechnen).

Welche Variante lohnt sich mehr, Diesel oder Benziner?

Der Preisvorteil von Diesel beim Tanken beträgt pro Liter noch rund 20 Cent gegenüber Benzin E10.

Das kann man pauschal nicht sagen. Generell wirkt sich der Preisvorteil vom Diesel eher bei großvolumigen Fahrzeugen aus sowie für Vielfahrer, in der Regel ab 20.000 Kilometern pro Jahr. Der ADAC hat im Frühjahr 2017 einen groß angelegten Kostenvergleich mit mehr als 1600 Fahrzeugen vorgenommen. Auch AUTO BILD hat Anfang 2017 in einem zweiteiligen Test insgesamt 19 Benzin-Diesel-Paare getestet (Teil 1 und Teil 2 hier/kostenpflichtig) und ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen festgestellt. Ein Jahr zuvor – kurz nach Beginn des Dieselskandals – nahmen die Tester bereits 32 Autos unter die Lupe (kostenpflichtig).

Welche Diesel kann ich bedenkenlos kaufen und was sagt der ADAC?

Nicht viele. Der ADAC gibt die Antwort darauf in seinem groß angelegten “Eco Test” 2017, bei dem Messungen auf dem Abgasprüfstand durch reale Straßenmessungen (RDE, Real Driving Emissions) ergänzt wurden. Club-Vize Ulrich Klaus Becker riet Ende Juni 2017 in der Wochenzeitung “Die Zeit”, Geduld zu zeigen: “Unsere Empfehlung ist, mit einem Neuwagenkauf eventuell noch zu warten, bis im Herbst Modelle mit dem Standard Euro 6D auf den Markt kommen.” Geschäftsführer Alexander Möller rief in der “Automobilwoche” die Autofahrer generell dazu auf, “Ruhe zu bewahren und nicht ohne Not einen aktuellen Diesel zu verkaufen”. Viele Entscheidungen der Kommunen stünden noch aus, über die Zulässigkeit einzelner Fahrverbote müsse noch die Justiz entscheiden. Für eine blaue Plakette gebe es zudem noch keine gesetzliche Grundlage. Diese müsste Verkehrsminister Dobrindt in die Wege leiten, doch der weigert sich bislang.

(Mit Material von dpa)

Autor:

Fazit

Gehört dem Diesel die Zukunft? Vermutlich nicht. Dennoch lohnt es sich für Vielfahrer aus Kostengründen nach wie vor, einen sparsamen Selbstzünder zu kaufen – trotz sinkendem Wiederverkaufswert und weiterhin nicht erwiesener Euro-6-Reinheit. Wer allerdings in Sachen Fahrverbot auf Nummer sicher gehen und zudem sein grünes Gewissen beruhigen will, der sollte sich nach einer Alternative umschauen.