/Die Zweiten werden die Ersten sein – ein Kommentar zu Apples Neuvorstellungen

Die Zweiten werden die Ersten sein – ein Kommentar zu Apples Neuvorstellungen

Die Zweiten werden die Ersten sein – ein Kommentar zu Apples Neuvorstellungen


Ingo Storm

Phil Schiller erfindet das Rad neu.

Apple ruft zur Heiligen Messe in die Steve-Jobs-Kathedrale. Die Gemeinde ruft Hosianna. Die säkularen Android-Konkurrenten und -User schäumen vor Wut oder rümpfen die Nase: Mal wieder alles nur geklaut und viel zu teuer – die alte Leier bei Apple.

Ich kann gut verstehen, wenn Google, Samsung und ihre Freunde sich erst aufregen und dann in Depression verfallen. Noch keine iPhone-Andacht war mit so vielen Déjà-vus gespickt wie die vom vergangenen Dienstag. Gleich zu Beginn gestand Tim Cook ein, dass Apple nicht alles erfunden hat, was ein iPhone ausmacht: “Over the last ten years we have re-imagined or invented numerous technologies.”

Ein Kommentar von Ingo Storm

Ein Kommentar von Ingo Storm

Ingo Storm widmete sich von 1989 bis 1996 bei c’t den System-Tools (SoftRAM etc.) und den damals modernen Programmierkonzepten. Nach einigen Admin-Jahren in Hamburg kehrte er 2005 als einer von inzwischen drei Textchefs zu c’t zurück. Er spielt gern mit dem Raspberry Pi.

Ein paar Beispiele aus der Beichte: “Gesichtserkennung ist besser als Fingerabdruck.” Hat Euch Microsoft das verraten? Aber es stimmt erst jetzt, weil das iPhone es endlich kann? “Das Display geht von Rand zu Rand und von ganz oben nach ganz unten.” Da haben LG und Samsung dann ja doch was richtig gemacht, danke. Der Gipfel: “Drahtloses Laden ist cool. Und ganz tolle Geräte werden jetzt auf den Markt kommen – wegen des iPhone 8 und des iPhone X.” Mit anderen Worten: Seit ich in Paris wohne, ist der Eiffelturm höher.

Apple hat recht

Das Absurde daran ist: Apple hat recht. Weil bei Apple-Kunden das Geld lockerer sitzt, werden neue, teurere und deshalb oft schickere und manchmal auch raffiniertere Qi-Lader herauskommen. Ob die Gesichtserkennung neu ist, interessiert nicht: Apple hat es anscheinend geschafft, dass sie sich einfach mühelos anfühlt. Ob sie letztlich so sicher ist wie behauptet, ist egal. Dass man Fingerabdrücke leicht kopieren kann, hat auch keinen iPhone-Besitzer gestört.

Bei den allermeisten Menschen geht es nun einmal um das Gefühl, wenn sie sich etwas kaufen. Sehr, sehr vielen gefällt das von Apple vermittelte Gefühl, völlig unabhängig davon, ob die Technik dahinter nicht neu erfunden, sondern “re-imagined” ist.

In der Klemme

Deshalb stecken Google und die vielen Hersteller von Android-Telefonen wirklich in der Klemme. Sie arbeiten zwangsläufig nicht nur gegen Apple, sondern auch gegeneinander, und verschießen dabei viel Pulver. Google designt das pure, originale Android-Gefühl. Damit nicht alle Welt ein Pixel kauft, müssen LG, Samsung & Co. nun Dinge erfinden, die Google nicht hat.

Daraus entstehen zig verschiedene Android-Biotope, aber nicht eines. Und keines davon bleibt stabil, weswegen sich die Kunden in keinem langfristig so wohl fühlen wie bei Apple. Derweil bedient sich Apple bei den guten Ideen – aber erst, wenn ihnen einfällt, wie sie ins Apple-Feeling passen. Beneidenswerte Position: Eigentlich immer Zweiter, aber gefühlt immer Erster.


(vbr)