/Calliope mini für Schulen: Geschenk oder Lobbyismus

Calliope mini für Schulen: Geschenk oder Lobbyismus

Der für rund 35 Euro im Handel erhältliche Calliope mini soll nach dem Wunsch der Entwickler möglichst allen Grundschülern den Weg in die Welt der Programmierung ebnen. Zu diesem Zweck hat man sich finanzstarke Partner ins Boot geholt.

(Bild: dpa, Calliope GmbH)

Die gemeinnützige Calliope GmbH aus Berlin spendet derzeit deutschen Grundschulen Einplatinencomputer. Kritiker bemängeln, dass hinter der Finanzierung mächtige Akteure stehen, allen voran Google.

In Schulen geht es weitgehend noch analog zu und es gibt nur vereinzelte Bemühungen, das konsequent zu ändern. Erst im Sommer gab es eine offizielle Erklärung von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka dazu, warum die Investitionen für den IT-Ausbau in Schulen ins Stocken geraten sind. Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) freut sich derzeit allerdings über eine großzügige Spende der Berliner Calliope-Entwickler. Bei der Vorstellung der Aktion in Schwerin sagte sie kürzlich: “Was wir hier machen, ist ein Modell der Zukunft.” Schule und Wirtschaft sollten enger zusammenarbeiten. Der Anlass: Die gemeinnützige Calliope GmbH aus Berlin schenkt 100 Grundschulen insgesamt 2500 Exemplare des seit August erhältlichen Mini-Computers. Je 25 Stück davon bilden einen Klassensatz. Der Wert des Engagements: 75.000 Euro. Kinder ab der dritten Klasse sollen damit spielerisch an das Programmieren herangeführt werden.


Gesche Joost

Gesche Joost gehört zum Calliope-Team. An der UDK Berlin befasst sie sich im Rahmen der Forschungsgruppe “Design Research Lab” unter anderem mit zentralen Fragen der Mensch-Maschine-Interaktion. Die Mini-Computer-Spendenaktion für Grundschulen sieht sie als einen Weg, das nach ihrer Meinung bei digitaler Bildung in Deutschland klaffende “schwarze Loch” zu bekämpfen.

(Bild:  SPD/Valeria Mitelmann
)

Eine prominente Beteiligte am Calliope-Projekt ist Gesche Joost. Die Professorin für Design an der Universität der Künste Berlin hat seit 2014 das Amt einer Digital-Botschafterin der Bundesregierung bei der EU. Auf der Website des gemeinnützigen Berliner Unternehmens erklärt sie, mit dem Mini-Computer wolle Calliope “einen Startschuss für die digitale Bildung in Deutschland geben”. Ziel sei es, heißt es, flächendeckend alle Drittklässler mit dem Gerät auszustatten. Mittelfristig solle es fest in den Schulalltag integriert werden. Die Anschubfinanzierung werde durch Spenden von Unternehmen und Stiftungen erreicht werden – später solle das Angebot schrittweise in den regulären Betrieb des Bildungssystems integriert werden.

Kritiker sehen hier Wirtschaftslobbyismus am Werk. Einen allzu starken Einfluss mächtiger Industrieunternehmen wollen die Bildungsminister eigentlich verhindern – schließlich ist es ihre Aufgabe, die Bildungsinhalte an den Schulen festzulegen. Laut einer Verwaltungsvorschrift des Schweriner Bildungsministeriums etwa ist bei Schulsponsoring der Bildungs- und Erziehungsauftrag dann gefährdet, “wenn aufgrund der Höhe oder Dauer einer Zuwendung eine Abhängigkeit des Unterrichtsbetriebes von einem bestimmten Sponsor zu befürchten ist”. Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, Simone Oldenburg, sieht diesen Tatbestand im Falle des Calliope erfüllt. Der Grund: Es soll ausschließlich das gespendete Produkt zum Einsatz kommen.

Der Calliope mini, der die Form eines Sheriff-Sterns hat und speziell auf leichte Programmierbarkeit ausgelegt ist, kostet je nach bestellter Stückzahl zwischen je 30 und 35 Euro. Zu denjenigen, die ihn vertreiben, gehört neben den üblichen Verdächtigen wie Conrad und Amazon auch der Cornelsen-Verlag, der das Projekt unterstützt. Ein Link zum Cornelsen-Shop findet sich auf der Website des Projekts.

René Scheppler von der Lehrergewerkschaft GEW in Hessen kritisiert die Aktion und betont, dass durchaus auch alternative Produkte auf dem Markt seien. Scheppler hat die Calliope-Spendenpraxis schon seit einiger Zeit im Visier und wittert parteipolitische Verstrickungen. Er hebt hervor, dass bisher nur Bundesländer mit SPD-Regierungsbeteiligung von den Spenden profitierten: das Saarland, Berlin, Hamburg, Rheinland-Pfalz und jetzt Mecklenburg-Vorpommern. Die Gründung der gemeinnützigen GmbH sei der SPD-nahen Denkfabrik D64 entsprungen, sagt er. D64 hingegen betont, von der SPD unabhängig zu sein, “auch wenn wir inhaltlich der sozialdemokratischen Idee nahe stehen und einige der Gründungsmitglieder auch Mitglieder in der SPD sind”, wie es auf der Internetseite heißt. Die SPD-Nähe von Gesche Joost ist Scheppler zufolge erkennbar an ihrer im Mai 2013 erfolgten Berufung in das Wahlkampfteam des damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück.

Schepplers Fazit: “Ich habe den Eindruck gewonnen, dass hier eine Einflussnahme auf schulische Bildung stattfindet.” Auch der Verein LobbyControl ist besorgt: Anlass ist insbesondere die Äußerung der MV-Bildungsministerin Birgit Hesse, dass Schulsponsoring und die stärkere Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft ein “Modell der Zukunft” seien. Fabian Kaske von LobbyControl dazu: “Für uns klingt das bedrohlich: Wenn Internetfirmen Schulen mit Computern und ihrer Software ausstatten dürfen, sollen dann in Zukunft auch Fastfood-Ketten Besteck und Lebensmittel für den Ernährungsunterricht beisteuern oder Bankenverbände Gratismaterialien für das Fach Wirtschaft liefern dürfen, um damit eine Themensetzung innerhalb des Unterrichts zu erreichen, die der Lehrplan nicht vorsieht?” Programmieren steht bisher nicht auf dem Grundschul-Lehrplan in Meckelnbur-Vorpommern.

Nach Simone Oldenburgs Einschätzung verstößt Hesse in mehreren Punkten gegen ihre eigene Verwaltungsvorschrift. Demnach ist die ordnungsgemäße Erfüllung des Bildungs- und Erziehungsauftrages gefährdet, “wenn die Höhe der Zuwendung für bestimmte Schulen auf Dauer zu einem solchen Gefälle zwischen einzelnen Schulen führen würde, dass die Chancengleichheit aller Schülerinnen und Schüler in ihrer schulischen Ausbildung beeinträchtigt würde”. Dies ist laut Oldenburg der Fall, da lediglich 100 Klassen an dem Pilotprojekt teilnehmen können. Es gebe aber rund 2000 Grundschulklassen an etwa 200 Schulen, sagt sie.

Hesse rief bereits Unternehmen im Nordosten auf, die Mini-Computer des Berliner Unternehmens zu kaufen und für weitere Schulen in MV zu spenden. Oldenburg sieht das kritisch. Für eine zeitgemäße Ausstattung der Schulen seien das Land und die Schulträger zuständig und nicht private Unternehmen, sagt sie. “Meine Fraktion fordert ein Landesprogramm für digitale Bildung an Schulen.” Auch gebe es im Zusammenhang mit dem aktuellen Pilotprojekt viele offene Fragen. So sei unklar, wer die Unternehmen für das Projekt ausgewählt habe, wie die teilnehmenden Schulen ermittelt würden, wie die Qualitätskontrolle gewährleistet werde, welche Folgekosten entstünden und wer für diese aufkomme.

Ein Calliope-Sprecher erklärte, defekte Geräte würden kostenlos getauscht. Er bestätigt außerdem, dass die Unterstützer des Projekts nach dem Umfang ihres Engagements auf der Website aufgelistet sind. Ganz oben steht Google. Wie viel Geld der US-Internet-Gigant für das Projekt lockermacht, ist jedoch nicht ersichtlich. Nur so viel: Das Engagement ermögliche erst die kostenlose Verteilung der Mini-Computer in den Bundesländern.

Scheppler hingegen warnt: “Wenn Google an die Schultüren klopft, sollte jede Schulleitung und jede Lehrkraft wachsam werden.” Wenn so etwas über Mittler und ein zunächst gemeinnütziges Engagement laufe, um den entsprechenden Markt zu öffnen, sei das “Deep Lobbying”. Dieses ziele darauf ab, die öffentliche Meinung langfristig in eine bestimmte Richtung zu lenken.
(Iris Leithold, dpa) /


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