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Big Data in der Medizin: “Das Smartphone des Patienten ist das Stethoskop des 21. Jahrhunderts”

"Das Smartphone des Patienten ist das Stethoskop des 21. Jahrhunderts"

Die Medica 2017 läuft vom 13. bis zum 16. November.

(Bild: medica.de)

Big Data, Künstliche Intelligenz und Virtual Reality sollen zukünftig die Medizin revolutionieren, lautet die Botschaft der Medizinmesse Medica. Dafür werden Daten gebraucht, Daten und noch mehr Daten.

Die Düsseldorfer Medica wird seit Jahren gerne als weltgrößte Medizinmesse gefeiert. Dieses Jahr ist ein neuer Superlativ hinzugekommen, denn erstmals arbeiten in der deutschen Gesundheitsbranche mehr Menschen (900.000) als in der Automobilindustrie, die Deutschland geprägt hat. Ähnlich wie die Wagenbauer steht auch das Gesundheitswesen mit “Arzt 4.0” oder “Patient 4.0” – alles Schlagwörter der Messe – vor einem rasanten Umbruch.

“Das Smartphone des Patienten ist das Stethoskop des 21. Jahrhunderts”, freute sich Franz Bartmann vom Vorstand der Bundesärztekammer. Klingt gut, aber wie kommt der Arzt an die Daten des Smartphones? Wie valide sind diese von zahlreichen Apps eingesammelten Daten, wissenschaftlich gesehen? Und was hat der Patient eigentlich davon, wenn er den virtuellen Brustkorb frei macht?

Mehr als 5000 Aussteller zeigen auf der Medica alles, was es zum Thema Patientenversorgung zu zeigen gibt, vom Operationsroboter bis zur Cyberbrille für die Lichttherapie. Nicht immer wird dabei die harsche Wirklichkeit so einbezogen wie beim Ultraschall-Handscanner zum Anschluss an das Smartphone, der vom Fraunhofer IBMT vorgestellt wurde: Der Scanner kann schnell bestimmen, wie alt jemand ist, der beteuert, auf der Flucht alle Papiere verloren zu haben. Das System ist nicht gerichtsfest wie eine Handknochenanalyse, ergibt aber erste Anhaltspunkte. Laut Fraunhofer soll es eingesetzt werden, um den Menschenhandel zu bekämpfen.

Am anderen Ende der Skala von harter zu weicher Medizin steht Izzy von Medilad, ein Chatbot, der auf dem Facebook-Messenger aufsetzt. Izzy spricht mit jungen Frauen über ihre “reproduktive Gesundheit” und soll mit wenigen Fragen den Menstruationszyklus bestimmen können. Izzy soll dort eingesetzt werden, wo es Frauen unmöglich ist, offene Gespräche über Schwangerschaft und ihren Körper zu führen.

Das Alter spielt in vielen IT-Präsentationen auf der Medica eine herausragende Rolle, meist im Sinne von Ambient Assisted Living (AAL), dem IT-unterstützen Leben im Alter. Einen originellen Gesichtspunkt brachte Sebastian Kuhn auf dem Health-IT-Panel ein, der an der “Curriculum-Entwicklung für das 21. Jahrhundert” arbeitet: Die Medizin-Studenten, die heute ausgebildet werden, werden im Jahr 2029 als Ärzte die Arbeit aufnehmen. Wie dann das Arbeitsumfeld aussieht, weiß heute eigentlich niemand.

Eine Antwort: der Arzt der Zukunft wird kein Daten-Analytiker sein. “Wenn ich weiß, dass IBMs Watson ein besserer Diagnostiker ist als ich, dann werde ich nicht in der Diagnose, sondern als Arzt der Mentor des Patienten sein und ihn anleiten”, erklärte Bartmann in einer Diskussionsrunde des Health-IT-Forums. Als angehende Ärztin spannte Jana Aulenkamp, Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden den Bogen noch weiter: “Vielleicht wird der Transhumanismus zum medizinischen Kanon von 2029 gehören.” Doch solche Einstellungen werden in den Universitätskliniken nicht gelehrt.


Big Data in der Medizin: "Das Smartphone des Patienten ist das Stethoskop des 21. Jahrhunderts"

Big Data und Künstliche Intelligenz stehen auch auf dem TR-Kongress im Fokus.

(Bild: 
 Innovators Summit – Digital Health
)

Wenn es mit der Gesundheit 4.0 und all den damit verbundenden Themen vorangehen soll, müsse ein neues Datenbewusstsein her, meinte Dirk Heckmann. Der Jurist lehrt Internet-Recht an der Universität Passau und sitzt im Ethik-Beirat der AOK Nordwest, die Interesse an Big Data Analytics hat. “Das Gut Gesundheit ist höher als das Gut informationelle Selbstbestimmung” , befand Heckmann in der Diskussionsrunde des Health-IT-Forums und erteilte dem “verabsolutierenden Datenschutz” eine Absage. Zuvor hatte Erwin Böttinger vom Digital Health Center des Hasso-Plattner-Institutes für vernetzte Daten geworben und Länder gelobt, in denen zentral gespeicherte Patientendaten die sektorenübergreifende Betreuung übernehmen. Die elektronische Patientenakte lässt grüßen, an der Krankenkassen wie AOK und TK arbeiten.
(Detlef Borchers) /


(anw)