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Bentley Continental Supersports trifft VW Up: Test-Vergleich Volkswagem extrem

— 18.09.2017

Volkswagen extrem

Bentley Continental Supersports gegen VW Up? Ja, das kann man machen! Denn die beiden haben mehr gemeinsam, als man auf Anhieb denkt.

Irgendwie gemein! Da leiht uns Bentley den letzten Continental als fetten Supersports – und was macht die Frau von Kollege May? Lacht uns aus! Annette ist VW-Fan, fährt mit Begeisterung einen kleinen Up. Und kann mit dem, na ja, aufgehübschten Sport-Modell von Bentley so gar nix anfangen. Dabei müsste sie das Coupé als VW-Fan eigentlich lieben. Der Continental nutzt nämlich als letztes Modell im Konzern die Plattform des alten Phaeton, dem ohne Rücksicht auf Kosten oder Gewinne aus dem Vollen gefrästen Chef-VW.

Beide wollen besser sein als ihre Konkurrenten

Brüder im Geiste: Continental und Up streben nach Perfektion – auf unterschiedlichem Niveau.

Und das ist dem Bentley noch 16 Jahre (!) nach dem ersten Phaeton anzumerken. Jede Ledernaht im Innenraum sitzt perfekt, die Carbonblenden sind derart perfekt lackiert, dass sie fast wie Plastik wirken. Von der britischen Bastelbude mit großem Namen aus den 1990er-Jahren ist nichts mehr übrig geblieben – Bentley strebt nach Perfektion. Und ist damit dem Up gar nicht so unähnlich – wenn auch auf völlig anderer Flughöhe. Denn auch so ein Up will anders sein als die Konkurrenz. Zunächst hebt er sich mit seinem Design ab. So einfach wie ein BIC-Feuerzeug solle er sein, sagte Chef-Stylist Walter da Silva einmal. Ohne dabei piefig zu wirken. Auch technisch haben die Wolfsburger ihrem Kleinsten alles mitgegeben, um erwachsen zu wirken. Mit geschlossenen Augen jedenfalls würde man den Unterschied zwischen Up und Golf gar nicht spüren.

Der Vortrieb des Luxus-Dickschiffs ist atemberaubend

1017 Nm bringen den Bentley in 3,5 Sekunden auf Tempo 100 – maximal sind 336 km/h drin.

Annette ist deswegen von ihrem Up überzeugt. Zeit, sie mal für den Bentley zu begeistern: Motor an! Der W12 mit doppelter Aufladung startet grollend und grummelnd wie ein Bär, der schlecht gelaunt aus dem Winterschlaf erwacht. Das ist doch was, Baby! Oder? Annette zieht die Augenbrauen hoch. Nee, das zieht irgendwie auch nicht. Neulich sei sie mit einem Tesla mitgefahren, sagt Annette – und der sei wirklich cool. Leise ist das neue Laut. Oder so ähnlich. Nächster Versuch. Vielleicht steht sie ja wenigstens auf die Beschleunigung des Supersports. Bentley hat den Zwölfzylinder nämlich derart gepimpt, dass 1017 Newtonmeter bei 2000 Umdrehungen anliegen. Gemeinsam mit dem Allradantrieb beamt sich der Bentley in gerade einmal 3,5 Sekunden aus dem Stand auf 100. Alles graue Theorie – das muss man erlebt haben. Und um Annette zu zeigen, wie schnell der Bentley wirklich ist, machen wir einfach ein Sprintduell.

In der Zeit, die sie braucht, um einzukuppeln, den ersten Gang einzulegen und Gas zu geben, ist der Supersports längst auf 100, nur mal so zum Vergleich. Sieht von außen spektakulär aus – und wirkt am Steuer noch viel beeindruckender. Wenn Du das rechte Pedal voll durchdrückst, sammelt sich der Sechsliter-Motor kurz, wirklich nur ganz kurz. Dann hebt sich der Bug wie bei einer Power-Yacht, die gerade ablegt. Man sieht gefühlt für einen kurzen Augenblick mehr Himmel als Straße.

Dem weißen Floh reicht ein kleiner Dreizylinder

Auf das Gewicht kommt’s an: 60 PS reichen dem nicht mal eine Tonne schweren VW Up ganz locker.

Dann pusten die beiden Turbolader los. Und die Welt explodiert, die Luft zum Atmen wird knapp. Irgendwie schnippt der Bentley einen einfach aus der Umlaufbahn, holt kurz Luft, wenn die Automatik in den zweiten Gang schaltet, und schiebt, schiebt, schiebt einfach weiter. Schon stehen 100 auf dem Tacho – und der Fahrer glaubt jederzeit, dass das bis zur Spitzengeschwindigkeit von 336 km/h einfach so weitergeht. Da ist Annette dann doch ein wenig begeistert, auch wenn sie es nie zugeben würde. Denn irgendwie ist sie doch noch irritiert. Mit dem Sprit, den wir für die kleine Machtdemonstration verbrannt haben, kann sie in ihrem Up wahrscheinlich einen ganzen Monat durch die Stadt rollen. Ohne auf allzu viel verzichten zu müssen. Denn obwohl der kleine VW nur 60 PS hat, kommt zu keinem Zeitpunkt ein Gefühl der Untermotorisierung auf. So ist das eben, wenn sich ein Dreizylinder – sogar ohne drehmomentsteigernde Turboaufladung – mit nicht einmal einer Tonne Leergewicht befasst. Der Bentley wiegt 2300 Kilogramm.

Nur der Bentley kann wirklich Aufmerksamkeit erregen

Faszination Luxus: Für einen Blick in diesen Innenraum drücken sich Passanten die Nasen platt.

Aber irgendwas muss der Supersports doch haben. Schließlich ist der Continental einer der erfolgreichsten Bentley ever. Er musste sogar mal in der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen in Dresden gebaut werden, die Kapazitäten in Großbritannien waren erschöpft. Im Konvoi rollen wir in die Hamburger Innenstadt. Parken direkt hintereinander. Holen uns im Straßencafé einen Cappuccino, beobachten die Passanten. Und hier glänzt der Bentley plötzlich. Junge Menschen, die ja angeblich keinen Bock mehr auf Autos haben, bleiben stehen. Machen Selfies. Drücken sich die Nase an den Seitenscheiben platt. Wollen sehen, wie die Kiste denn innen aussieht. Staunen über die Carbon-Kiemen auf der Motorhaube. Streicheln den fetten Heckspoiler. Es ist wohl das letzte Mal, dass sich die alte Autowelt in ihrer ganzen Opulenz und Dekadenz aufbäumt. Und der Up? Steht halt einfach da.

Am Ende bleibt die Frage: Kann man diese beiden Autos wirklich miteinander vergleichen? Ja, weil sie beide die Idee des perfektionierten Volkswagen in sich tragen, wie sie noch vor ein paar Jahren gefragt war – an beiden Enden der Modellpalette. Und nein, weil die Zeit für Autos wie den Bentley abgelaufen ist. Während der Up die Zukunft noch vor sich hat, fährt der Supersports direkt in den Ruhestand. Irgendwie gemein.