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Audi R8 V10 Plus Spyder/Porsche 911 Turbo S Cabrio: Test Die Herbst-Stürmer

— 13.11.2017

Die Herbst-Stürmer

1190 PS! Das sollte wohl genug Puste für unsere wildeste Cabrio-Ausfahrt im Herbst sein. R8 V10 Plus und 911 Turbo S im Vergleich.

Schaum und Gischt wehen auf der Wasseroberfläche hin und her, die See ist weiß, die Sicht stark eingeschränkt, in die Ferne erst recht. Beaufort 12, mehr als 117 km/h. So wird der heftigste Sturm definiert. Wir meinen: lächerlich! Aus Stuttgart und Ingolstadt nahen Tief-Typen, die mit über 300 km/h rein rechnerisch mit Stärke 30 durch den Herbst fauchen. 580 beziehungsweise 610 PS reichen nicht nur aus, Bäumchen zu kippen oder Äste zu schütteln – Audi R8 V10 plus Spyder und Porsche 911 Turbo S Cabrio könnten die herausgerissene Fauna direkt zu Streichhölzern stapeln und Eichenlaub zu Pflanzenmolekülen verpulvern.

Dem Audi R8 V10 Plus sieht man seine Kraft sofort an

Klare Ansage: Der R8 V10 Plus Spyder macht auch optisch keinen Hehl aus seinem Leistungsvermögen.

Porsches Topmodell der Elfer-Reihe lässt es zumindest optisch nur verhalten krachen. Klar, sämtliche Turbos der Reihe kommen mit dem breiten Allrad-Po vorgefahren, auf dem Motordeckel türmt sich eine Extra-Etage Heckspoiler auf, große Nüstern lassen zusätzliche Kühlluft in die Bugschürze wirbeln. Sonst herrscht jedoch eher manierliche Eleganz. Schnieker Schick aus noch freundlich blickenden Rundscheinwerfern und dem feinen Bogen, der übers Dach bis in die Heckschürze hineinschwingt – gelernte, nie aufdringliche Elfer-Line eben. Der Audi dagegen: ein rassig-sehniger Mittelmotorhengst, blitzende Laserlicht-Augen, abgesetzte Kiemen, schwarze 20-Zoll-Räder – ein Spyder liefert auf den allerersten Blick ein unterhalb des Fahrtwinds anschleichendes Weg-da-Statement. Passt aber, denn der R8 hat schließlich Lambo unterm Lack. Ein 5,2 Liter mächtiger V10-Motor (tatsächlich mit dem des Huracán verwandt) bläst mit druckvoller Welle, ist gleichzeitig enorm hochdrehzahlaffin und tost auf Gaspedalwunsch mit blitzartiger Entladung durch die sieben Gänge seiner Doppelkupplungsautomatik.

Der Porsche 911 Turbo S ist ein mitteilsames Sportgerät

Eng mit der Straße verzahnt: Das 911 Turbo S Cabrio ist ein feinnerviges, rückmeldungsstarkes Fahrerauto.

Und dann der Klang! Gewitter? Ist ein klimperndes Babymobile dagegen. Tosen, fauchen, pochen, brüllen, kreischen, hämmern – alles dabei. Ein einziger riesiger und mikrofein gewebter Gänsehaut-Klangteppich! Porsche hat hier das Nachsehen. Weil sich zwei dicke Turbos wattierend zwischen Trommelfell und Boxerbrabbeln setzen. Die beiden vergrößerten Abgaslader – inklusive variabler Turbinengeometrie – quetschen zwar eine gehörige Portion Extramumm ins Getriebe, kosten aber auch wichtige Quäntchen Ansprechverhalten und Klang. Zwar faucht der 911 unter Last angenehm “gefährlich”, zugleich zischt er im Lastwechsel herrlich ordinär aus der Ladedruckregelung – doch das große Spektakel für die Ohren bleibt auf der Strecke. Macht nichts, ein Turbo S liefert den Kitzel über das Fahrverhalten. Kaum ein Auto bietet zum Beispiel so viel Rückmeldung und Präzision über das Lenkrad. Ändert sich die Straßenoberfläche? Wie stützen sich die Flanken ab? Wohin zerren die 245er-Vorderräder?

Dem Fahrer diffundieren diese Infos aus dem Lederkranz direkt in die Fingerspitzen. Dann diese abartig innige Verbindung mit der Straße: Wie der Eckzahn eines Raubtiers haut der Turbo S sein kurvenäußeres Hinterrad in die Asphaltbeute und lässt nie mehr los. Gefühlt benötigen die Reifen nur ein paar Milligramm Radlast, um sich mit voller Klebrigkeit mit dem Teer zu verbinden. Fliehkräfte, Bremswirkung, Spurtreue – alles geradezu himmlisch gut. Schade: Die anscheinend nur mit Gummi bedampften Felgen verhageln 911ers Komfortbilanz. Lauter als der Audi, leicht vibrierend und sehr spröde rollt der Porsche auf rauem oder geflicktem Asphalt. Gran-Turismo-Gleiten geht anders.

Jeder auf seine Art garantiert allerhöchstes Cabriovergnügen

Da herrscht Einigkeit: Sowohl Porsche als auch Audi erfrischen wie keine andere Brise auf der Welt.

Der Audi gibt sich hier zwar nervöser über die Lenkung, dafür rollt er geschmeidiger ab. Den wenigen Federweg nutzt er optimal aus, erstaunlich gelassen schnurrt er mit Landstraßentempo dahin. Schade: Im Fußraum fehlt Platz, letztlich sitzen Fahrer und Beifahrer eher geduldet statt erstklassig (wie im 911) untergebracht. Die viel zu unübersichtliche (und somit nur vage abschätzbare) Karosserie stresst auf engen Landstraßen, und im Gegensatz zum Porsche muss man vor dem Offenfahren erst von Hand ein Windschott hinter die Kopfstützen nesteln. Nur der fahrdynamischen Vollständigkeit halber: Auf der Bremse aushohem Tempo heraus gibt sich der Spyder plus (wie alle Audi R8) stets tänzelnd unruhig, statt fehlerfrei zackig einzulenken, schiebt der Roadster auch gern mal über die Vorderreifen nach außen. Egal – wer sich bis hierhin wagt, geht wohl auch bei Gewitter mit dem Schirm auf die Wiese. Für alle anderen gilt: Sowohl Porsche als auch Audi erfrischen wie keine andere Brise auf der Welt. Wir meinen: Windstärke 1a mit Sternchen trifft’s am besten.

Technische Daten Audi R8 V10 Plus Spyder • Motor: V10 Sauger, Mitte längs • Hubraum: 5204 cm³ • Leistung: 449 kW (610 PS) bei 8250/min • max. Drehmoment: 560 Nm bei 6500/min • Antrieb: Allradantrieb, Siebengang-Doppelkupplung • Leergewicht: 1713 kg • Vmax: 328 km/h • 0–100/200 km/h: 3,1/10,0 s • 200/100-0 km/h: 130,6/33,5 m • Verbrauch: 13,6 l SP • Abgas CO2: 323 g/km • Preis ab 207.500 Euro.

Technische Daten Porsche 911 Turbo S Cabrio • Motor: Sechszylinder Boxer, Biturbo, hinten längs • Hubraum: 3800 cm³ • Leistung: 427 kW (580 PS) bei 6750/min • max. Drehmoment: 750 Nm bei 2250/min • Antrieb: Allradantrieb, Siebengang-Doppelkupplung • Leergewicht: 1652 kg • Vmax: 330 km/h • 0–100/200 km/h: 3,0/10,2 s • 200/100-0 km/h: 128,2/31,5 m • Verbrauch 11,9 l SP • Abgas CO2: 283 g/km • Preis ab 218.223 Euro.