/Audi A4: Gebrauchtwagen-Test Zwischen diesen A4 liegen 15.000 Euro

Audi A4: Gebrauchtwagen-Test Zwischen diesen A4 liegen 15.000 Euro

— 15.09.2017

Zwischen diesen A4 liegen 15.000 Euro

Ist beim Audi A4 aktuell der klassische Gebrauchte die richtige Wahl oder vielleicht doch das billige Schnäppchen?

Dieselskandal, E-Auto-Hype … Kein Wunder, dass sich viele deutsche Gebrauchtwagenkäufer fragen: “Was kann ich heute eigentlich noch kaufen?” Eine sichere Bank ist seit jeher der Audi A4 – und als Benziner bleibt er es wohl auch noch ein wenig. Gepflegte Modelle der vierten Baureihe B8 stehen zu Preisen ab 9000 Euro beim Händler. Wir greifen zu einer modellgepflegten Limousine aus 2014. Nach 66.000 Kilometern verlangt das Autohus in Bockel bei Bremen noch 15.980 Euro. Eine mindestens vernünftige Entscheidung, gilt Audis Mittelklasse doch als ausgereift und solide. Doch preissensible Kunden mit Zukunftsängsten könnten auch anders an den nächsten Gebrauchten gehen: Wenn die Kiste eh lange hält und unklar ist, was die nächsten Jahre bringen, warum dann nicht einen älteren, günstigeren nehmen?!

Gebrauchtwagensuche: Audi A4

690 Euro für einigen ehemaligen Traumwagen

Kampfspuren der vergangenen Jahrzehnte müssen bei dreistelligen Kaufpreisen einkalkuliert werden.

Wir treiben den Gedanken auf die Spitze und werden ein paar Reihen weiter hinten bei den Exportfahr zeugen fündig. Hier wartet ein 1997er Exemplar aus der ersten A4-Generation B5 auf sein Gnadenbrot. 201.000 Kilometer haben einige Spuren im Lack hinterlassen, ein Kratzer auf der Beifahrerseite wurde von einem Vorbesitzer rustikal in Eigenregie mit der Sprühdose “beseitigt”, die Felgendeckel fehlen. Dafür überrascht der Preis: 690 Euro! Für den Preis einer besseren Waschmaschine steht hier ein vollwertiger Edel-Mittelklässler, der noch vor ein paar Jahren (oder einigen mehr) für viele ein Traumwagen war. Im strahlenden “Mingbluepearleffect” kann zumindest optisch von Billigheimer keine Rede sein. Dazu kommt, dass die beiden zumindest im Profil auf den ersten Blick wie Zwillinge aussehen. Verblüffend, wie wenig sich bei Audis Design in den letzten Jahrzehnten getan hat.

Viele Neuwagen träumen von der Qualität des B5

Ein Cockpit wie aus dem Lehrbuch: Alles sitzt griffgünstig, nichts lenkt ab – heute eine neue Erfahrung.

Wie schlecht kann dieses Schnäppchen sein, dass es sich lohnen würde, das 23-fache für den Urenkel springen zu lassen?! Her mit dem Schlüssel, das wollen wir genauer wissen. Eine Fernbedienung gibt es nicht, dafür gleiten die Türknöpfe wie früher bei Mercedes lautlos nach oben. Kein Vergleich zum uniformen Räddädäng des neuen. Im Innern warten Licht und Schatten. Auf relativ kompaktem Raum bietet der Oldie noch immer ein kleines Qualitätserlebnis. Alle Schalter rasten satt, nichts klappert. Dazu straffe Polster mit soliden Bezügen. Hier wirkt nichts aufgebraucht und abgenutzt, viele Neuwagen erreichen diesen Stand nie in ihrem Automobilleben. Dafür werden Erinnerungen an die alten Asterix-Bände wach. Die einzige Angst der Gallier war es stets, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Für Käufer dieses Alt-Audis Realität. Der Schaumstoff zwischen Stoff und Trägerplatte zerbröselt mit den Jahren, der Kleber kann nicht mehr halten. Unschön. Wer nicht eitel ist, entledigt sich des Problems innerhalb weniger Minuten mit ein paar Heftzwecken, soll es gut aussehen, werden einige Hundert Euro beim Sattler fällig. Auch Bei seinem Debüt 1994 galt der erste A4 als einer der modernsten und schicksten Mittelklässler. Zumindest der Front sieht man heute das Alter an LED-Tagfahrlicht und Singleframe-Grill sind zu den Erkennungszeichen heutiger Audi geworden. Der 2015 abgelöste B8 macht da keine Ausnahme sonst wird beim Blick auf die schmuddeligen Fächer und Ablagen der dringende Wunsch nach einer gründlichen Aufbereitung wach.

Am Fahrwerk machen sich die fünf Erdumrundungen bemerkbar

Selbst mit Basismotor und Standardgestühl wirkt der B5 dynamisch.

Kein Vergleich zum Nachfolger. Hier sieht alles noch nach Jahreswagen aus. Bei der haptischen Qualität hat Audi nochmal eine Schippe draufgelegt, ist heute die absolute Messlatte. Auch die vielen Schalter, der große Monitor und die Parkbremse kennzeichnen den Generationensprung. So ein junger A4 fühlt sich stramm, frisch und dynamisch an. Selbst der Basisbenziner, ein 1,8-Liter mit 120 PS erreicht dank Turbo 290 Newtonmeter Drehmoment und lässt sich damit so schaltfaul fahren wie zu Zeiten des Ur-A4 nur die stärksten Diesel. Es ist fast Verschwendung, dass die knackige Sechsgang-Box so oft rechts liegen bleibt. In Bezug auf die bei dynamischer Fahrweise rasch verschleißende Kupplung hingegen nicht. Ein Problem, mit dem auch der alte stets zu kämpfen hatte und auch beim Testwagen trennt sie erst auf den letzten Zentimetern. Hier wird bald Ersatz fällig. Ansonsten schnurrt aber auch der B5 mühelos. Zwar ist der 1,6-Liter-Basismotor mit Zweiventiltechnik und nur einer Nockenwelle ein Fossil, doch er läuft ruhig, glatt und überraschend flott. Kein Wunder, dass ihn seinerzeit 40 Prozent der A4-Käufer wählten. Das Fahrwerk war zwar seinerzeit noch komfortorientierter ausgelegt, fünf Erdumrundungen haben es aber noch weicher geprügelt. Ein Eindruck, dem sich auch die Karosserie nicht widersetzen kann. Die Hülle des ersten A4 fühlt sich deutlich nachgiebiger an als die des neueren. Zudem gibt nach 20 Jahren auch der einst als perfekt geltende Rostschutz langsam auf, wie aufblühende Türpfalze zeigen.

Technische Daten
Audi A4 1.6 (1997) Audi A4 1.8 TFSI (2014)
Motor Vierzylinder/vorn längs Vierzylinder/vorn längs
Ventile/Nockenwellen 2 pro Zylinder/1 4 pro Zylinder/2
Hubraum 1595 cm³ 1798 cm³
Leistung 74 kW (101 PS) bei 5300/min 88 kW (120 PS) bei 4200/min
Drehmoment 140 Nm bei 3800/min 230 Nm bei 1750/min
Höchstgeschwindigkeit 191 km/h 205 km/h
0–100 km/h 12,9 s 10,5 s
Tank/Kraftstoff 62 l/Super 65 l/Super
Getriebe/Antrieb Fünfgang manuell/Vorderrad Sechsgang manuell/Vorderrad
Länge/Breite/Höhe 4479/1733/1415 mm 4701/1826/1427 mm
Kofferraumvolumen 440 l 480-962 l
Leergewicht/Zuladung 1170/550 kg 1410/550 kg

Mit Euro 2 gibt’s freie Fahrt in alle Umweltzonen

Doch das sind keine Einschränkungen, um angenehm und sicher von A nach B zu kommen. Die Klimaanlage kühlt, das Radio spielt. Im schlimmsten Falle stehen ABS und vier Airbags als Helfer bereit. Und gespart wird auch im Unterhalt. Die gängigen Reparaturen sind schon theoretisch günstiger als beim neuen, praktisch ist der Vorteil noch größer, weil der Markt für Gebraucht- und Identteilen riesig ist und jede günstige freie Werkstatt dank der simplen Technik noch ran kann. Die Versicherungseinstufungen sind human, die jährliche Steuer sogar niedriger. Überhaupt: Feinstaub produzieren moderne Direkteinspritzer wie der TFSI, keinesfalls der alte 1.6. Mit Euro 2 bekommt er die grüne Plakette und auf unbestimmte Zeit freie Fahrt in alle Umweltzonen. Vor einem Fahrverbot dürfte ohnehin der wirtschaftliche Totalschaden anstehen. Theoretisch bei jeder Reparatur über 690 Euro. Glücklich ist da jeder, der selbst schrauben kann oder über gute Kontakte verfügt. Ein schlechter Kauf ist so ein Billig-A4 dennoch nicht zwangsläufig. Die 690 Euro verliert der junge Enkel in einem halben Jahr an Wert. Mit jedem Tag, den der Alte länger durchhält wird er so zum Gewinn.

Was bei den AUTO BILD-Testwagen aufgefallen ist, und auf welche Mängel Käufer beim Audi A4 außerdem achten sollten, erfahren Sie in der Bildergalerie.

Autor:

Malte Büttner

Fazit

Bei den Kosten liegt der Billigheimer vorn, doch sein Reparaturrisiko degradiert ihn zur Alternative für unerschrockene Schrauber. Unabhängig davon macht der Vergleich klar, wie wenig sich in 20 Jahren wirklich getan hat.