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Ableton Loop: Musik-Streaming-Dienste sind ein Minenfeld

Ableton Loop: "Musik-Streaming-Dienste sind ein Minenfeld für Mastering-Ingenieure."

(Bild: heise)

Mandy Parnell ist Mastering-Ingenieurin und weltweit eine der besten. Auf der Loop-Konferenz In Berlin sprach sie über die Auswirkungen der Streaming-Dienste auf die Musik-Qualität und gab dem Nachwuchs Tipps zum Mastern daheim.

Der Musik-Software-Hersteller Ableton veranstaltet an diesem Wochenende seine dritte Loop-Konferenz. 2000 Musiker und Techniker treffen sich im Berliner Funkhaus, um über neue Techniken der Musikproduktion zu sprechen, sich in Workshops auszutauschen oder Konzerte von Avantgarde-Künstlern zu erleben.

Zu den hochrangigen Gästen gehörte am ersten Tag Mandy Parnell. Die Mastering-Ingenieurin aus Großbritannien veredelte schon Alben von Björk, Brian Eno, Aphex Twin und den White Stripes und zählt zu den besten ihrer Zunft. In Berlin prangerte sie die Auswirkungen der Streaming-Dienste auf die Qualität der Musik an. “Es ist ein Minenfeld, wenn man einen Song für Youtube, Spotify, iTunes & Co. fertig stellen soll.” Grund seien die unterschiedlichen Lautheiten und Codecs, mit denen die Dienste arbeiten. “Früher wurde immer so laut wie möglich gemastert. Das ist heute nicht mehr so. Aber es gibt keinen einheitlichen Level: Manche Dienste gehen auf -11 LUFS, andere wie iTunes auf -16 LUFS.” (LUFS: Maßeinheit für die Lautheit, Loudness Unit Full Scale).

Problematisch sei vor allem, wenn bei den Diensten automatische Algorithmen über die Songs gejagt werden und sich niemand mehr das Ergebnis vor der Veröffentlichung anhöre. “Manchmal ist nach dem Hochladen alles OK. Aber nach zwei Wochen hat der Anbieter die Lautheit per Automatik angepasst.” Sie hätte mit ihren Kollegen einen Blindtest mit verschiedenen Songs auf 15 Streaming-Plattformen gemacht, und sei von den Ergebnissen zuweilen entsetzt gewesen: “Man hat als Mastering Ingenieur keine Kontrolle mehr über das Endergebnis.” Ein Phänomen, das auch das Computermagazin c’t in seiner aktuellen Ausgabe untersucht.

Hilfe versprechen neue einheitliche Codecs wie Master Quality Authenticated (MQA) von Meridian Audio. Dabei handelt es sich um ein qualitativ hochwertiges, wenn auch verlustbehaftetes Kompressionsverfahren, das Teile von Apples “Mastered for iTunes”-Initiative aufgreift und auf einen breiteren Rahmen stellt. “Mit MQA bekommen wir Mastering-Ingenieure die Kontrolle zurück. Wir liefern die kodierten Songs, sodass kein Streaming-Anbieter sie durch seine Kompression mehr verhunzen kann,” lobte Parnell das Verfahren.

Heutzutage werden die meisten Songs jedoch von den Künstlern selbst am Laptop gemastert, nur wenige Stars können sich Mastering-Experten wie Mandrell leisten. “Meine Hauptaufgbae ist es, mit einem Satz frischer Ohren an die Songs heranzugehen und dem Künstler eine zweite objektive Meinung zu geben.” Dabei komme es vor allem auf das Gain-Staging an, also die Abstimmung der Lautheit und der Dynamik. “Ich setze manchmal vier Limiter in Reihe ein, keiner macht das Signal jemals um mehr als 2,5 dB lauter.”

Man könne jedoch auch ohne teures Equipment dafür sorgen, dass die Songs “nicht mehr ganz so scheiße klingen”. Sie selbst habe auch schon mal einen Song für einen bekannten R&B-Künstler nur per Kopfhörer am Laptop in einem Hotelzimmer gemastert, der dann später genauso auf CD erschien. “Es kommt letztlich auf die Ohren an. Schlechte Werkzeuge fordern mich heraus, noch besser zu arbeiten.” So hatte sie denn auch konkrete Tipps für Musiker daheim parat:

  • Bass-Kontrolle: “Der Bass ist das Hauptproblem. Den kann man daheim nicht richtig hören. Geht an einem Vormittag in einen Club und hört euch den Song über dessen Anlage an.” Alternativ könne man zuhause Werkzeuge wie den Subpac einsetzen, der tiefe Frequenzen in Vibrationen umsetzt, sodass man den Bassbereich genau spüren kann.
  • Nicht in eine Mastering-Chain mixen: Viele Mixer machten den Fehler, eine Mastering-Chain bereits beim Mixen einzuschalten. Das führe aber dazu, dass die Mixe zu laut werden. Mandrell empfahl, Mastering Chains während des Mixens abzuschalten, und den bestmöglichen Mix abzuliefern.
  • Runter mit der Lautheit: Speziell Streaming-Dienste mixen ungestüm, also zu laut. Dem Ergebnis mangelt es dann sehr an Dynamik. “Laute Mixe sind von gestern. Kommt runter mit der Lautheit.”
  • Mono-Kompatibilität prüfen: Diese sei nicht nur für Küchenradios und Clubs wichtig, sondern auch für den Kodierprozess der Streaming-Dienste. Die Codecs teilen die Musik zuweilen in den Mono- und Stereo-Anteil auf. Weil sich Phasen bei zu großer Stereobreite auslöschen, kommt es vor, dass nach der Kodierung Instrumente komplett aus dem Klangbild verschwunden sind.
  • Prüfung der kodierten Fassungen: Um zu hören, was mit dem Song passiert, wenn er auf CD gebrannt, im TV oder Radio gesendet oder mit verschiedenen Codecs der Streaming-Platformen behandelt werde, empfahl Parnell “MasterCheck Pro” von Nugen Audio.

Sie gab auch Empfehlungen zu Plug-ins. “Ich arbeite mit Software von Steven Slate, Fabfilter und Sonnox”. Fabfilter und Sonnox würden das Signal relativ neutral bearbeiten, Slate-Effekte jedoch eine angenehme Verfärbung hinzufügen.

Eine Absage erteilte sie den automatisierten Mastering-Diensten im Internet. “Wir haben uns mal den Spaß gemacht und den gleichen Song mehrmals einem Anbieter geschickt. Jedes mal bekamen wir ein anderes Ergebnis. Die Dienste geben euch kein Feedback, sie haben keine Emotionen.” Und die sei noch immer das Wichtigste in der Musik.


(hag)