/4W: Was war. Was wird. Von Hochzeiten und anderen Seltsamkeiten.

4W: Was war. Was wird. Von Hochzeiten und anderen Seltsamkeiten.

Hm, schmeckt und ist gesund. Aber wenn man tief drin sitzt und nicht mehr rauskommt, ist es auch nicht so nett.

(Bild: maxmann, Lizenz Public Domain (Creative Commons CC0))

Da haben wir den Salat: Was soll man machen, wenn selbst die halbe Opposition im Bundestag sich Zensur nicht verweigert? Schöne Aussichten für die Bundestagswahl, klagt Hal Faber, trotz erfreulicher, konservative Hasspredigten hervorrufender Beschlüsse.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.



"Jesus geht für Hochzeit einkaufen" von den Cockettes

“Jesus geht für Hochzeit einkaufen” von den Cockettes

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***“Also ist folgendes eine Vorschrift und allgemeine Regel der Vernunft: Suche Friede, solange nur Hoffnung darauf besteht; verschwindet diese, so schaffe dir von allen Seiten Hilfe und nutze sie; dies steht dir frei. Der erste Teil dieser Regel enthält das erste natürliche Gesetz: Suche Friede und jage ihm nach; der zweite den Inbegriff des Naturrechts: Jeder ist befugt, sich durch Mittel und Wege aller Art selbst zu verteidigen. Aus diesem ersten natürlichen Gesetz ergibt sich das zweite: Sobald seine Ruhe und Selbsterhaltung gesichert ist, muss auch jeder von seinem Recht auf alles – vorausgesetzt, dass andere auch dazu bereit sind – abgehen und mit der Freiheit zufrieden sein, die er den übrigen eingeräumt wissen will.” (Hobbes, Leviathan)

*** Ja, der Staat mag heute ein feiger Leviathan sein, ein elendes Vehikel zur Gewinnung und Wahrung des inneren Friedens einer Gesellschaft. Ein zittriges Gebilde, das im Namen einer angeblich nur so zu erreichenden Sicherheit Grundrechte ignoriert und bei der Erähnung von Menschenrechten lacht und Hobbes zufolge damit letzendlich Hass und Verachtung ausdrückt. Schon gegen den alles negativ sehenden Hobbes haben seine Zeitgenossen eingewendet, dass das Lachen einfach die Wahrnehmung großer Widersprüche sein kann, der “Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer hoch gespannten Erwartung in nichts”, wie Kant das formulierte. Ein kleines Gelächter und ein großes Gesumm ist es jedenfalls wert, wenn aus einem harmlosen Gespräch mit der Modezeitschrift Brigitte ein historischer Moment entsteht.

*** In einem lichten Moment hat sich die deutsche Politik für die “Ehe für alle” entschieden. Selbst in der männlich-kernigen CSU gab es 7 fröhliche Bayern, die im Bundestag mit Ja stimmten. Oder waren es Franken, denn das, was übelst gelaunte bayerische Hagelstolze über ihr Land erzählen, lässt den Verdacht aufkommen, dass die Aufklärung einen großen Bogen um das Land machte. Hinter manch konservativer Fassade brach der blanke Hass hervor und produzierte passend zur Abstimmung widerliche Sätze, wobei sich wieder einmal die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” als Speerspitze der Vorgestrigkeit erwies. Was da ein Pseudonym namens Johannes Gabriel veröffentlichen durfte, was prompt von Bloggern wie Treue und Ehre verbreitet wurde, war zweifelsohne Hasspropaganda, wie sie das Netzwerkdurchwurstelungsgesetz definiert. Ehe es zur Löschorgie kommt, sei nur ein Satz zitiert, der eine Behauptung zitiert, die zum Kern des Hasses gehört:
“Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, dass adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr sexuellen Missbrauchs ausgeliefert sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt, und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?”
Klingt konjunktivisch schick, ist aber übel. Das Inzest in gleichgeschlechtlichen Ehen verbreiteter sein soll als in Zusammenschlüssen von Mann und Frau, ist eine perfide Behauptung, mit der die Homosexuellen seit Jahrhunderten kämpfen müssen. Belege dafür gibt es nicht, zumindest ist mir keine Studie bekannt. Wie tief diese miese Mär vom Kinderficker in der moralisch reinen Lehre von der einzig richtigen Ehe verankert ist, zeigt ein Blick in die USA, wo Frauen googlen, ob ihre Ehemänner schwul sind und dann die Suche mit dem “Schutz der Kinder” rationalisieren. Besonders ausgeprägt ist die Hinterhersuche in den Südstaaten.

*** Mit der Abstimmung im Bundestag trauert die FAZ um die neue Minderheit, in der sich Bundeskanzlerin Merkel und die Konservativen nach der “hasserfüllten Lobbyarbeit” der Schwulen- und Lesbengruppen befindet. Man gedenkt den heterosexuellen Ehepaaren mit ihrer einzigartigen Fähigkeit zum Kinderkriegen und ist über die “Intoleranz” verwundert, die der Beitrag von “Johannes Gabriel” erfuhr. In derselben Ausgabe findet sich ein Text zum Tod des großen Soziologen und Theologen Peter L. Berger, der einstmals in “Altäre der Moderne” das ganze Getröte von der durch Gott gestifteten Ehe ganz wunderbar einnordete:
“Religion sei der kühne Versuch, das gesamte Universum als Angelegenheit des Menschen zu betrachten. Aber es bleibt eine Form der Selbst-Externalisierung des Menschen, also die Projektion humaner Ordnung in die Gesamtheit der Wirklichkeit. Auch das heiligste Gesetz in seiner angeblichen Ewigkeit ist nur soziale Konstruktion, also Gesellschaft.”

*** Heute vor fünf Jahren wurde am 2. Juli die allgemeine Erklärung der Internetfreiheit veröffentlicht und von zahlreichen Organisationen und Persönlichkeiten unterschrieben. Das ist gar nicht so lange her und dennoch klingt es seltsam, dass diese Aktion der Bürgerrechtler von Außenminister Guido Westerwelle unterstützt wurde, natürlich wegen der Unfreiheiten in China. Bekanntlich sind wir jetzt einen Schritt weiter – an China herangerückt. Gleich der erste Satz “Zensiert das Internet nicht” muss in Deutschland mit einem Sternchen geschmückt werden, dazu dann weiter unten die sozialdemokratische Erklärung: In Deutschland gilt das Netzwerkdurchwurschtelungsgesetz. Es verpflichtet profitgesteuerte Unternehmen zur profitmaximierenden Zensur. Das Gesetz, das gleich nach der historischen Entscheidung der “Ehe für alle” durch den Bundestag rauschte. Dabei spielten die Grünen Digitales Dilemma und enthielten sich der Stimme. Sieht so das Eintreten einer Partei für digitale Bürgerrechte aus? Muss man sich da nicht die FDP und “Schnarre” wieder herbeisehnen, wie einstmals in diesem Kommentar hellsichtig vorhergeahnt?

*** Ja, es muss schon ein seltsames Dilemma sein, egal, ob so ganz neuländisch digital oder althergebracht analog, wenn man die Zeichen der Zeit nicht erkennt und die Chancen nicht ergreift. Die Grünen hätten sich nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag hervorragend als Bürgerrechtspartei profilieren können – und haben es voll verkackt, trotz der Bemühungen weniger Streiter wie Konstantin von Notz und Hans-Christian Ströbele, die aber weitgehend im Regen stehen gelassen wurden. “Das Internet darf kein grundrechtsfreier Raum sein. Wer wird […] dafür sorgen?”, fragten sich bang die heise-Redakteure nach dem Ausscheiden der FDP. Die Grünen sind’s wohl nicht, egal, ob in der Regierung oder in der Opposition. Wenn man denn dann wählen soll, bald, im September, das fragen sich wohl viele an grundlegenden Bürgerrechten festhaltende Netzbürger: “Die FDP? So richtig zentral sind die Bürgerrechte in ihrem Wahlprogramm auch nicht. Was dann? SPD? CDU gar? Come on! Und der Linken mit ihrem klassischen Paternalismus traue ich, was Freiheit und Liberalität angeht, auch nicht über den Weg.” Seit Jahren geht die Auseinandersetzung mit den Sicherheitsparanoikern, endlos anscheinend, in den Abwehrgefechten bröckeln die digitalen Bürgerrechte nach und nach. Das gemahnt beileibe nicht an Sisyphos – der soll ja bekanntlich ein glücklicher Mensch gewesen sein, denn: “Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.” Hier aber, bei Staatstrojaner, Vorratsdatenspeicherung, Netzwerkdurchsetzungsgesetz ist man in Versuchung, sich frustriert abzuwenden.

*** Huch, schreck, schauder und schüttel. Die Erikative fallen nur so, wenn man liest, was der 17. Grimme Online Award war: “Es war ein Fest für Qualität im Netz und manchmal Emotion pur.” Die Feier von Online-Angeboten öffentlich-rechtlicher Anstalten wird dann so umholpert: “Nicht nur eine organisatorische Meisterleistung, wie auch Preispate Friedrich Küppersbusch bei der Übergabe der Trophäe in der Kategorie Information bemerkte ‘an ein kleines Startup aus der Kölner Innenstadt’ mit ‘trendigem Retro-Namen’.” Megatrendig und ausgezeichnet auch der “Conversational Journalism” von Chatbot Resi, der für echte Infonauten eine Enttäuschung ist. Dazu gab es “Limousinen für den komfortablen VIP-Fahrservice für die Preisverleihung” und VR-Brillen von Samsung, damit die WDR-Produktion über den Kölner Dom genossen werden konnte mit dem packenden Erlebnis, wie der Zuschauer “aus der Führung der Kamera befreit” wird. Emotion pur, zu 100 Prozent aus Emotionskonzentrat.

Was wird.

Es wird ja nicht alles schlecht. In ein paar Jahren werden wir unverschlüsselt mit Quantencomputern mailen und niemand wird das abhören können, weil nichts im herkömmlichen Sinne übertragen wird. Wir werden außerdem allesamt Cyborgs werden, weil das einfach einfacher ist mit dem gestützten Leben und uns daran gewöhnen müssen, dass bei allem Gerede vom Security by Design bei unseren Ergänzungsgliedern durch die Bank weg der Notaus-Knopf fehlt. Aber hach, das sang man ja schon im Summer of Love.

Wegen aktueller Hochzeitsfeierlichkeiten (siehe oben) beginnt das Sommerrätsel erst in der nächsten Ausgabe. Was im “Summer of Love” begann, ist nach wie vor bunt und aufregend und von keinem

Das vollständige Plakat des SHA

Aus dem Plakat für das anstehende Hackercamp SHA

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Bild: Das vollständige Plakat des SHA



schwächelnden Leviathan zu kontrollieren. Wie hieß es damals? “We are not a computerized version of some corrupted ideal culture of the early 1900’s, but a whole new society because we are computerized”. Na, das ist schonmal ein hübsches Rätsel. Woher stammt dieser Spruch?


(jk)