/4W: Was war. Was wird. Brüh im Lichte dieses Glühes

4W: Was war. Was wird. Brüh im Lichte dieses Glühes

Auge, Künstliche Intelligenz, KI

Was sieht die kommende Superintelligenz, wenn sie genau hinschaut? Man möchte es eigentlich gar nicht wissen.

(Bild: Orlando, gemeinfrei (Creative Commons CC0))

Mitleid ist nicht das, was wir von kommenden Superintelligenzen erwarten können, befürchtet Hal Faber. Die Hoffnung bleibt, das Elend zwischen Weihnachtsmärkten und dem “Ministerium für gesellschaftlichen Zusammenhalt” zu überwinden: Algorithmus, hilf!

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.


Was war. Was wird. Brüh im Lichte dieses Glühes

Da braucht’s den realen Geruch gar nicht mehr, dass einem schlecht wird.

*** Jetzt ist es wieder so weit, dass der Glühweingestank in den Kernbereich unser aller privaten Lebensführung eindringt, die Häuser oder Fenster mit blinkenden Lichterketten verunziert sind und selbst das Innenministerium sich von seiner heimeligen Seite zeigt als “Ministerium für den gesellschaftlichen Zusammenhalt”. Willkommen in den besinnlichen Tagen der inneren Einkehr, an denen die großen Fragen gestellt werden. Was ist der Sinn von 42? Wer sind wir, wo gehen wir hin? Und wenn wir schon nicht gehen, wo gehen unsere Daten hin? Wo stehen die Server? Wäre es wünschenswert, entwendete Dateien und Dokumente zumindest auf den Servern der Diebe zu löschen? Mannomann, das ist aber ein großer Weihnachtswunsch, den der Chef von ZITiS da äußert, dem schicken Start-Up unter den Behörden. So ein unkompliziertes Lösch-weg beim Hack-back, nachdem ruck-zuck-klick klar ist, wer der Täter war. Natürlich nur mit richterlicher Genehmigung und bei erkannter Bedrohungslage des gesellschaftlichen Zusammenhaltes durch Terroristen, organisierte Kriminelle und andere Katalogstsraftäter. “Der Staat muss handlungsfähig bleiben”, das ist der oberste Imperativ dieser Nachtwächter. Staat first, alles andere second. Wen richterliche Vorbehalte da beruhigen können, hat den Knall nicht gehört: Deutsche Richter behalten nichts vor und halten keine Ermittler auf.

*** Man stelle sich ganz besinnlich vor, wie das ist, wenn man nicht handeln kann. Wenn man Probleme hat bei der “verdeckten Überwindung von Sicherheitssystemen” und dem Einbau von Abhörwanzen in Autos, wo deutsche Geheimdienste in 25 Fällen scheiterten. Das geht ja gar nicht, da muss ein neues Gesetz her und dieses neue Gesetz muss auch noch “technikoffen” formuliert sein, damit es für alle denkbaren wie noch undenkbaren Verwanzungssituationen angewendet werden kann. Vordergründig arbeitet das geschäftsführende Ministerium für den gesellschaftlichen Zusammenhalt nur an einer Rechtsgrundlage, die Autobauer zur Mitwirkung, insbesondere zur Öffnung und verdeckten Überwindung von Warnanlagen verpflichten soll. Doch wenn diese “technikoffen” ist, müssten genauso die Hersteller von all dem Smart-Home-Zubehör zur Mitwirkung verpflichtet werden können, von Routern und Überwachungskameras, Krümelsaugern bis hin zum Sexspielzeug. Das wird von den gesellschaftlichen Zusammenhaltern energisch dementiert.

*** Auffällig ist dabei jedoch, dass auf der vorweihnachtlichen Tagung der Innenministerkonferenz in Leipzig eine Beschlussvorlage abgesegnet werden soll. Es ist eben Weihnachten und da macht man sich nette Geschenke. Machen wir uns auch eines und überlegen gemeinsam, was die von den Verwanzungsfreunden geforderte Offenlegung von Programmierprotokollen so sein könnte? Die PC-Kassensysteme können wohl nicht gemeint sein. Etwa die Kommentare im Source-Code? Die Arbeitszeitnachweise des Programmierers? Eine allgemeine API für Verfassungsschutz, Zoll und Polizei? So bleibt an dieser Stelle nichts anderes übrig, als auf Besinnungen anderer Art hinzuweisen, die solchem Treiben hoffentlich etwas Widerstand bieten. Etwa bei der Gesellschaft für Informatik, die soeben mit Hannes Federrath einen neuen Präsidenten gewählt hat, der den Datenschutz-Grundrechtsgedanken vertritt. Im norddeutschen Tiefebenen- Radio verurteilte er prompt die Pläne des Ministeriums für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

*** In dieser ach so besinnlichen Zeit geht der eine oder andere Gedanke an alle, die im Dienst des Vaterlandes stehen, zum Beispiel an die einfachen Soldaten in Afghanistan. Bekanntlich haben wir mit dem Kommando Cyber- und Informationsraum nun auch eine Truppe, die im Internet kämpft und dort die oben genannten Dateien und Dokumente löscht, die auf fremdstaatlichen Servern oder Datenwolken gespeichert sind. In dieser Woche betonte der Chef des KdoCIR, dass in der Zukunft von jedem Soldaten grundlegende Kenntnis im Umgang mit Computern erwartet würden – so wie heute jeder Soldat seine Waffe beherrschen müsse. Das ist eine interessante Aussage, denn wo beginnen grundlegende Kenntnisse und wo hören sie auf? Auch das ist eine große Frage. Jeder Schuss ein Treffer, jeder Klick auf den bundeswehr-eigenen Thinkpads in Estland drängte den mächtigen NATO-Gegner aus dem Netz und schlug seinen Fake-News-Angriffen den Kopf ab, wie bei der Hydra, die bekanntlich von Herkules besiegt wurde.

*** Im Kampf gegen die Fake News hat es in dieser Woche eine schwere Niederlage gegeben, als US-Präsident Trump auf Twitter Videos verbreitete, die die Rechtsextremisten von “Britain First” aufgespürt und verbreitet hatten. Beim Video-Schnippsel aus den Nierderlanden erfolgte umgehend eine Reaktion, auch die mit dem Brexit beschäftigte britische Staatschefin May reagierte. Unterdessen wurde der deutsche Muslim gefeiert, der offenbar als Austauschstudent bei Twitter arbeitete und an seinem letzten Arbeitstag kurzzeitig und zu seiner eigenen Verwunderung das Twitter-Konto von Trump schließen konnte. Die eigentliche Verwunderung produzierte jedoch Twitter selbst mit seinem indirekten Kommentar über #NoPlace4Hate. Kein Platz für Hass, das gilt nicht für den Orangenen. Die nächsten üblen Äußerungen dürften den ehemaligen Berater-Spezi Michael Flynn zum Thema haben. “General Flynn” wird nicht das letzte Wort sein.

Ja, es ist viel Leid in der Welt, auch am 1. Advent. Gut möglich, dass eine Superintelligenz, die sich all den Fragen nach dem Sinn des Lebens stellt, auf der Grundlage von Big Data zu der Einsicht kommt, dass trotz all diesem Datenreichtum die Nicht-Existenz im eigentlichen Interesse aller zukünftigen selbstbewussten Wesen auf diesem Planeten liegt. Alsdann wird die Superintelligenz uns entsprechend wohlwollend leidvermeidend behandeln und elegant aus der Geschichte eskamotieren. Das wär’s dann mit heise online und der Wochenschau aus der norddeutschen Tiefebene, es sei denn, es gibt noch eine höhere Intelligenz als die Superintelligenz. Der Philosoph führt hier das menschliche Mitgefühl an, doch wenn ich mich nicht irre, scheitert die Superintelligenz schon daran, einen Weihnachtsmarkt zu verstehen, bei dem billigste Rotweinplörre aus Großtanks zu heimeligen Buden geleitet und erhitzt wird: Ein klares Zeichen dafür, dass sich Menschen ganz ohne Superintelligenz und ohne algorithmische Entscheidungen um den Verstand bringen.


Was war. Was wird. Brüh im Lichte dieses Glühes

Die bildhaften Vorstellungen einer Smart City erinnern allzu sehr an die Jetsons, als dass sie Vertrauen erweckten. Womit nichts gegen die Jetsons gesagt sein soll, nein, keinesfalls!

Weihnachtsmärkte sind nicht nur mit der Intelligenz inkompatibel, sondern auch mit all den Träumen von der Smart City, der jetzt im großen Stil geträumt wird. Von der Microsoft-Stadt “Belmont” in Arizona über “Neom” in der saudi-arabischen Wüste bis hin zu den Sidewalk Labs von Google in Kanada werden neue Wohnmaschinen im Namen des Transurbanismus gebaut. Ausgerechnet aus dem verlotterten Berlin kommt dazu die passende Kritik, auch wenn sich “demokratische Smart City” anhört wie ein schwarzer Schimmel.

Sind die Innenminister aus Leipzig abgezogen, beginnt dort allmählich die Agglomeration durch den Chaos Computer Club, der nach dem Halfnarp heute das feste Programm des Chaos Communication Congress vorstellen will. Läuft der Congress, fahren sogar die Straßenbahnen in einem vom Congress diktierten Zeittakt in der Nacht: No Hacker left behind. Als prominenter Redner mit dabei: der ehemalige G10-Kontrolleur Hans-Christian Ströbele, der über die Lauschprogramme der Geheimdienste spricht. Ein Plausch aus dem Nähkästchen, damit endlich klar wird, warum ein Verein wie Reporter ohne Grenzen gegen den Datenstaubsauger vom BND klagt?
(Hal Faber) /


(jk)